Interview mit Georgios Chatzoudis, Redaktionsleiter des Wissenschaftsportals L.I.S.A.

Georgios Chatzoudis
Georgios Chatzoudis

Herr Chatzoudis, Sie haben Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft und Anglistik in Köln studiert. Warum haben Sie sich gerade für diese Fächer entschieden?

Meine Antwort klingt jetzt wahrscheinlich ziemlich klischeehaft – „Ich wollte was mit Medien machen“. Das stimmt aber und bitte bedenken Sie, dass ich Anfang der 1990er mit dem Studium angefangen habe. Das fing dieses Klischee vielleicht gerade einmal an – „etwas mit Medien“. Darüber hinaus habe ich mich für Fächer entschieden, die mich einfach interessierten – vor allem Geschichte und Politik.

Wo haben Sie den Bezug zu den Medien gesehen bei Ihrer Fächerwahl? Und haben sich Ihre Erwartungen im Studium erfüllt oder gab es Enttäuschungen?

Ich dachte damals, wenn schon Journalist, dann auch richtig. Das hieß für mich damals über wichtige politische Ereignisse zu berichten, so ein bisschen „am großem Rad mitdrehen“. Die beste Grundlage dafür schien mir über ein breites und tiefgehendes Verständnis für politische Prozesse sowie für historische Bedingungen zu haben. Englisch erschien mir als das Ticket für die große weite Welt, also global berichten zu können. Das klingt aus heutiger Sicht ziemlich naiv.

Tatsächlich setzte sehr bald eine ziemliche Ernüchterung ein. Vor allem was das Fach Englisch betraf. Man lernt vieles über Schriftsteller und deren Werke, über Phoneme und Morphe – nur eines lernte man nicht: ein gutes Englisch sprechen und schreiben. Kein Wunder, Seminare wurden in der Regel in deutscher Sprache abgehalten. Mit den Fächern Geschichte und Politik war ich ganz zufrieden, mit der Zeit umso mehr. Ich musste mich nur sehr bald von der Vorstellung verabschieden, dass in Seminaren richtig diskutiert wird. Das war dann doch mehr eine Abfolge von Referaten, die man manchmal auch ertragen musste.

Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Ich habe ehrlich gesagt lange zuhause gewohnt, musste also keine Miete bezahlen. Zu meiner Zeit gab es außerdem noch keine Studiengebühren, sondern lediglich einen Beitrag zum Studentenwerk von damals etwa 170 DM im Semester. Trotzdem brauchte man als Student natürlich Geld – für Bücher, PC, Studienfahrten und natürlich auch für das Leben außerhalb der Uni. Dafür habe ich anfangs regelmäßig in den Semesterferien gejobbt, später dann auch regelmäßig während des Semesters, unter anderem als Pizzafahrer, Lagerarbeiter, „Großrechnersicherer“ oder studentische Hilfskraft beim WDR. Das hatte unter anderem zur Folge, dass ich nicht alle Veranstaltungen so besucht habe, wie ich es hätte tun sollen, und das hatte wiederum den Effekt, dass sich mein Studium in die Länge zog.

Und wie viele Semester haben Sie letzten Endes studiert?

Die Frage habe ich befürchtet – es war nicht gerade die Regelstudienzeit. Knapp 20.

Bereuen Sie Ihre lange Studienzeit? Bzw. sind Sie der Meinung dass man ein Studium möglichst schnell und diszipliniert abschließen sollte um so früh wie möglich in den Arbeitsmarkt einzusteigen oder sollte man die Unizeit nutzen, um sich selbst auszuprobieren und auch einmal über den Tellerrand zu schauen?

Man muss es ja nicht gleich so weit treiben, wie ich es damals getan habe. Aber: Für mich hatte die lange Studienzeit den Effekt, dass ich mich in dieser Zeit weiterentwickelt habe. Meine Leistungsnachweise wurden von Jahr zu Jahr besser und am Ende reichte es für einen Abschluss, der mir eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter verschaffte. Ich will damit sagen, dass langes Studieren förderlich für die Ausbildung im wissenschaftlichen Arbeiten sein kann. Das entspricht letztlich ja auch den Zielen, nach denen deutsche Universitäten damals auch ausgerichtet waren: Ausbildung für eine akademische Laufbahn. Doch die meisten Studierenden wollen das nicht unbedingt, sondern sie brauchen einen Uniabschluss, um anschließend in anderen Berufen Fuß zu fassen. Insofern ist es nicht verkehrt, die universitäre Ausbildung mit dem Erwerb von Fähigkeiten zu verknüpfen, die auch im anderen Berufen nützlich sind, beispielsweise zusätzliche Sprachen oder verständliches Schreiben von Texten.

Abgesehen von Ihren Nebenjobs: Haben Sie sich während Ihres Studiums nebenher engagiert? Zum Beispiel durch Hochschulgruppen, Hobbies, Praktika oder eine freie Mitarbeit? Wenn ja, aus welchem Grund oder mit welcher Absicht?

Ja, für mich war das anfangs sehr wichtig und gehörte unbedingt zusammen: studieren hieß für mich damals auch politisches bzw. gesellschaftliches Engagement zeigen. Mit Kommilitonen haben wir unter anderem eine eigene Hochschulgruppe in Köln gegründet – Impuls hießen wir und wollten für mehr Transparenz stehen. Tatsächlich konnten wir zwei Sitze bei der Wahl des Astas erobern. Außerdem hatten wir eine Gruppe gegründet, in der wir die „feindliche Übernahme“ der FDP in Köln vorbereitet hatten. Man musste dafür nur als Gruppe in die mitgliederschwache FDP eintreten und schließlich mehr Mitglieder zusammenbringen als die FDP damals hatte. So hätte man den Kurs einer etablierten Partei mit Mehrheiten bestimmen können, damals mit direktem Zugang zu den Ämtern und Mandaten im Kölner Stadtrat. Eine Delegation von uns hatte in diesem Zusammenhang unter anderem einen Auftritt in einer TV-Talksendung, an der auch der jetzt amtierende Außenminister teilnahm.
Ansonsten habe ich ein Praktikum in der Pressestelle der Universität absolviert und an jedem Uni-Fußballturnier teilgenommen, das es gab.

Wie ging es in der Zeit nach der Uni bis heute für Sie weiter? Welche Berufsstationen haben Sie durchlaufen? Und wie kam es dazu?

Es kam alles anders als gedacht, soviel vorab: Nach der Uni trat ich am Historischen Seminar der Uni Köln eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an. Die Stelle war von der DFG im Rahmen eines Sonderforschungsbereiches zu Afrika finanziert. Sie war natürlich auch zeitlich befristet. Als die Stelle ausgelaufen war, war ich arbeitslos und bezog Arbeitslosengeld. Durch Zufall ergab sich nach kurzer Zeit die Möglichkeit beim WDR als freier Mitarbeiter anzufangen. So gesehen, machte ich dann das, was ich ursprünglich wollte: „etwas mit Medien“. Mehr aber war es auch nicht und ich hätte für das, was ich dann tat, nicht studiert haben müssen. Es gab eine Reihe von Kollegen, die haben nach der Schule den direkten Weg zu den Medien gesucht und waren um Lichtjahre weiter als ich damals. Ich fragte mich immer wieder, was ich denn nun von meinem Studium hatte. Beim WDR konnte ich weder mein Wissen über die Außenpolitik Karls des Großen oder den Peloponnesischen Krieg, noch meine Kenntnisse in Phonologie oder über die Machiavelli-Rezeption im England des 16. Jahrhunderts anwenden. Wenn überhaupt, dann war es nicht verkehrt zu wissen, wie das politische System Deutschlands funktioniert.

Nach vielen Jahren als Nachrichtenautor und Sprecher für den WDR wechselte ich als Online-Redakteur zur Gerda Henkel Stiftung, wo ich seit mehr als zwei Jahren für das Wissenschaftsportal L.I.S.A. verantwortlich bin. Also, am Ende auch „etwas mit Medien“. Jetzt aber, anders als beim WDR, etwas, was mir, meinen Fähigkeiten und meinen Interessen sehr entspricht. Nun hat es doch Sinn, beispielsweise im Austausch mit Wissenschaftlern, zu wissen, wer die Gracchen waren, warum der Papst einst in Avignon residierte und wieso man das 19. Jahrhundert auch das „lange Jahrhundert“ nennt.

Aber Sie arbeiten auch weiterhin als freier Journalist für den WDR?

Nur wenn es die Zeit zulässt. Manchmal an den Wochenenden.

Als Redaktionsleiter des Wissenschaftsportals L.I.S.A.: Was genau gehört zu Ihren Aufgaben? Sie sieht so eine typische Arbeitswoche bei Ihnen aus?

Meine Aufgaben reichen von administrativen Tätigkeiten (also beispielsweise das Portal technisch funktionstüchtig zu halten) über die klassische redaktionelle Arbeit (zum Beispiel das Planen von Inhalten und Themenschwerpunkten) bis zur eigentlichen journalistischen Arbeit (Recherche und Realisierung von Beiträgen).
Zu einer typischen Arbeitswoche gehören unter anderem: unseren wöchentlichen L.I.S.A.Newsletters verfassen; Blogbeiträge prüfen, redigieren und freischalten; Interviews, Expertenchats, Online-Vorlesungen organisieren; viele Telefonate führen; neue Kontakte knüpfen; die Vernetzung mit anderen verwandten Portalen und Blogs verdichten; Soziale Medienkanäle pflegen und Tagungen organisieren.

Was haben Sie, resümierend betrachtet, in Ihrem Studium aber auch in Ihrem außeruniversitären Engagement gelernt, was Ihnen bei Ihrer aktuellen Tätigkeit von Nutzen ist?

Vom Studium nehme ich neben den fachlichen Kenntnissen vor allem die kritische Arbeitsmethode mit, d.h. erst die Dinge prüfen, bevor man sie für bare Münze nimmt. Auch die Ausdauer, sich mit einem Thema zu beschäftigen, sich in einen Text zu vertiefen.
Aus meiner journalistischen Arbeit nehme ich genau die Fähigkeiten mit, die man während des Studiums nicht lernt: schnelles arbeiten, Texte verständlich schreiben, offene Fragen zügig zu entscheiden, an Themen unkonventionell und mit Phantasie herangehen.
Außeruniversitäres Engagement? Da bleibt leider nicht mehr, als wach zu bleiben und aktuelle Themen aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten. Es gibt immer mehr als eine Sichtweise und die Mehrheitsperspektive ist nicht immer automatisch die richtige.
Was mich aktuell in meiner Tätigkeit behindert, das ist allerdings meine große Leidenschaft für den Fußball – gestern habe ich mir beim Kicken mit meinen Jungs einen Muskelfaserriss zugezogen. Irgendwann sollte man wohl doch die Fußballschuhe an den Nagel hängen und sich mit Sachen beschäftigen, die man noch kann.

Was würden Sie Studenten bzw. Absolventen raten, die einmal in Ihrem Beruf oder Ihrer Branche tätig werden wollen? Was sollen sie beachten?

Wenn es die Studienordnung bzw. die Zeit zulässt, sollte man früh den Kontakt zu Redaktionen suchen und eine freie Mitarbeit anbieten. Das erleichtert einem enorm den Einstieg in Medienberufe und bringt einen sehr bald dazu, verständlich zu schreiben. Dabei sollte man allerdings klare Prioritäten setzen, und die heißen: Das Studium geht vor, der Job ist ein Job und nicht mehr als ein Schnuppern in ein interessantes Berufsfeld. Das fällt sicherlich schwer, spätestens dann, wenn man mit seinem Job Geld verdient

Würden Sie aus heutiger Sicht gesehen noch einmal Ihre Fächerkombination studieren oder würden Sie sich dieses mal für etwas anderes entscheiden? Gibt es etwas, dass Sie generell gesehen anders machen würden?

Das ist eine gute aber auch sehr schwer zu beantwortende Frage. Im Rückblick und gemessen an meiner aktuellen Situation kann ich sagen, es ist gut gegangen, ich würde es daher noch einmal so machen.Bei dieser Betrachtungsweise geht allerdings unter, wie oft ich mir in Sorge war über meine berufliche Zukunft. Die ständigen Zweifel, ob das so alles richtig ist, und ob ich nicht doch vielleicht Jura hätte studieren sollen, mit einem klaren Berufsbild vor Augen. Während des Studiums wurde man dauernd damit konfrontiert, in die Arbeitslosigkeit hinein zu studieren. Bestenfalls werde man Taxifahrer oder sprichwörtlich Wirt, hieß es ständig. Auch noch im Ohr habe ich eine junge Juristin zum Ende meiner Studienzeit, die geisteswissenschaftliche Seminare und Institute als „Luschenpool“ bezeichnete.

Ich würde trotzdem auch heute immer sagen: Jede und jeder sollte das studieren, wozu sie/er sich wirklich hingezogen fühlt. Also, das Fach ausprobieren, das einen wirklich interessiert und für das man eine Leidenschaft hat. Das ist die beste Ausgangsbedingung, um irgendwann auch zu einem guten Ergebnis zu kommen. Wer beispielsweise für Archäologie schwärmt und es trotz schlechter Berufsaussichten studiert, wird am Ende auch eine Stelle als Archäologe oder Archäologin finden. Davon bin ich überzeugt!


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