Interview mit dem freiberuflichen Texter Marcello Buzzanca

Marcello Buzzanca
Marcello Buzzanca

Herr Buzzanca, was haben Sie studiert, wo haben Sie studiert und warum haben Sie sich gerade für diese Fächer entschieden?

Begonnen hatte ich mit Philosophie und Romanistik im Nebenfach. Ich musste jedoch schnell feststellen, dass mir die theoretischen Konstrukte zu wenig fassbar schienen. Und da ich mich auch rein körperlich in der Uni zurecht finden musste, habe ich mich dann entschlossen, der Philosophie als Studienfach den Rücken zu kehren und mich ganz und gar den etwas konkreteren Sprach- und Literaturwissenschaften (Romanistik, Amerikanistik und Germanistik) zu widmen. Entschieden habe ich mich dafür, weil ich stark bilingual und bi-kulturell geprägt war und mich zudem schon immer Sprache in jeglicher Form, Ausprägung und Aussparung fasziniert hat. Ich wollte, vermute ich heute, einfach wissen, wie, wann, warum und wo Sprache (nicht) funktioniert.

Ist Ihr Studium so verlaufen, wie Sie es sich anfangs vorgestellt haben? Gab es Enttäuschungen oder Überraschungen?

Ich entstamme einem wie man so schön sagt, bildungsfernen Haushalt. In diesem Sinne hatte ich überhaupt keine Vorstellung davon, wie so ein Studium überhaupt verläuft. Verlaufen habe eher ich mich – in den Hörsälen, Gebäuden und auch in der Art und Weise, wie man sein Studium oder auch Hausarbeiten strukturiert und plant. Insofern gab es zahlreiche Überraschungen, Enttäuschungen- auch darüber, dass weder die Studienberatung noch irgendein Studienführer mir sagen konnte, was ich letztlich mit meinem Studium anfangen kann.

Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Ich habe gearbeitet – in der Regel 20 Stunden in der Woche- bei Buchhandlungen, in der Marktforschung, als Briefzusteller, Nachhilfelehrer, Übersetzer, Putzmann. Das Arbeiten und Studieren war insofern schwierig, weil ich oft das Gefühl hatte, weder richtig zu arbeiten noch richtig zu studieren. Eine Hälfte (nicht zwingend 50%) war immer bei der anderen Sache.

Haben Sie sich während Ihres Studiums nebenher engagiert?

Ja, ich habe ein Verlagspraktikum bei Journal Frankfurt gemacht, mit der Absicht, Journalist zu werden. Ansonsten stand ich leider eher immer neben der Uni und habe mich selbst ausgeschlossen in dem Sinne, dass ich nie irgendwelchen Hochschulgruppen beigetreten bin und auch sonst Studierenden-Gruppen der Fachbereiche gemieden habe.

Hatten Sie schon im Studium eine Vorstellung davon, welchen Beruf Sie später einmal ergreifen möchten?

Ich hatte ehrlich gesagt keine konkreten Vorstellungen. Dafür sind Sprach- und Literaturwissenschaften zu breit aufgestellt, sofern man kein Lehramt, sondern auf Magister studierte, wie ich es eben getan habe.

Wie viele Semester haben Sie studiert? Sind Sie damit zufrieden?

Ich habe insgesamt 13 Fachsemester studiert und war damit eigentlich zufrieden. Tatsächlich war ich acht Jahre (von Erstimmatrikulation bis Magisterabschluss) an der Uni und habe auch die Freiheit genossen, mir einige Semester andere Studiengänge anzusehen. Beabsichtigt? Kann ich nicht sagen. Ich war in jedem Fall zufrieden, es überhaupt geschafft zu haben.

Sind Sie der Meinung, dass man ein Studium möglichst schnell und diszipliniert abschließen sollte um so früh wie möglich in den Arbeitsmarkt einzusteigen oder sollte man die Unizeit nutzen, um sich selbst auszuprobieren und auch einmal über den Tellerrand zu schauen?

Ich bin definitiv für die Abschaffung dieses irreführenden Bildes des/der Bummelstudenten/Bummelstudentin. Die Universität sollte immer vom Geist geprägt sein, immer über den Tellerrand des eigenen Fachbereichs schauen zu dürfen. Ich persönlich bin jenem HiWi dankbar, der uns in einem romanistischen Proseminar etwas über die türkische Sprache erzählte und uns ermutigte, verwandte Fachbereiche zu besuchen. Ich habe darauf hin einige Veranstaltungen im Bereich Türkische Sprache besucht und gesehen, wie Sprache dort funktioniert. Es hat mich bereichert. Und genau das wünsche ich allen Studierenden, nämlich dass sie die Chance haben, sich auszuprobieren. Im Endeffekt führt dies dazu, dass man gestärkter und bewusster seinen (akademischen) Weg geht.

Aktuell arbeiten Sie als freier Texter. Wie kam es dazu und wie sieht so eine typische Arbeitswoche bei Ihnen aus?

Meine typische Arbeitswoche ist von Unvorhersehbarkeiten geprägt. Es kann sein, dass ich viele Stunden stupide tippe oder aber wahnsinnig aufregende Texte schreiben kann. Manchmal verbringe ich viele Stunden mit Akquise, mit Fahrten zu Kunden und damit, Enttäuschungen zu verarbeiten. Aber der ganzen Widrigkeiten zu Trotz, bin ich zufrieden, weil ich das mache, was ich am besten kann: Schreiben bzw. relativ frei schreiben, auch wenn Kundenvorgaben natürlich bindend sind. Der Entschluss war eigentlich immer da, wenn auch zeitweise eher latent. Manifest wurde der Entschluss eigentlich erst, als ich rein finanziell dazu gezwungen war und vor der Wahl stand: Hartz IV oder Notselbstständigkeit. Ich habe mich für letzteres entschieden und aus der Not- eine „tugendhafte“ Selbstständigkeit gemacht, die mir viel Freiraum beschert, auch in der Hinsicht, alles alleine managen zu müssen.

Was haben Sie, resümierend betrachtet, in Ihrem Studium aber auch in Ihrem außeruniversitären Engagement gelernt, was Ihnen bei Ihrer aktuellen Tätigkeit von Nutzen ist?

Ich habe gelernt, mich in einer mir vollkommen fremden Umgebung (Stichwort: Bildungsferner Haushalt) zu behaupten, Ängste zu überwinden, mir trotz mitunter eher im sprichwörtlichen Elfenbeinturm lebenden Professoren eine konkrete Vorstellung davon zu machen, was man so als Sprachwissenschaftler (er)schaffen kann. Natürlich habe ich auch gelernt, alles Nützliche einzubeziehen, auch mit Hinblick darauf, dass ich viele Fachbereiche besucht, viel abgeguckt und adaptiert habe.

Was würden Sie Studenten / Absolventen raten, die einmal in Ihrem Beruf / Ihrer Branche tätig werden wollen? Was sollen sie beachten?

Sie sollten sich vom Bild der klassischen Einteilung Geisteswissenschaftler und Naturwissenschaftler trenne und das Bild des träumenden Gespensterakademiker (also Geisteswissenschaftler) im Geiste und auch praktisch verabschieden. Auch wenn man nicht BWL, Jura oder Ingenieurwissenschaften studiert, hat man einiges, was man potentiellen Arbeitgebern bieten kann. Ich würde ihnen außerdem raten, sich auszuprobieren, wann und wo immer das geht. Seien es Praktika, freie Mitarbeit oder auch ehrenamtliche Engagements: Alle Medien und auch das Scheitern sind erlaubt. Ein gewisses Maß an Technikaffinität ist gerade im Online-Bereich unabdingbar und natürlich auch der Wille und die Kraft, sich und seinen Wirkungskreis jeden Tag neu erfinden und auch loslassen zu können. Schließlich ist aber auch die Vernetzung, Präsenz und Anwesenheit in der digitalen Welt unabdingbar, also Recruiting-Messen, professionelle Profile in den sozialen Netzwerken, ein übersichtliches Portfolio und die (jederzeit revidierbare) Entscheidung, ob man Generalist oder Spezialist sein möchte. Texterjobbörsen sind für den Einstieg ok, aber auch nur dafür. Die Konkurrenz ist groß, deshalb sollte dem Selbstmarketing, der Akquise und auch der Weiterbildung große Aufmerksamkeit gewidmet werden. Schließlich sollte auch nicht vergessen werden, dass gute und prominent platzierte, dafür aber unbezahlte Beiträge in gesundem Maße auch eine Investition in die eigene berufliche Zukunft sind. Ganz wichtig: Das Selbstmanagement, die Trennung von privatem Lebensraum und Büro (wenn also das Wohnzimmer gezwungenermaßen zum Office wird) und vielleicht die Möglichkeit, sich mit anderen Kreativen ein Büro zu teilen. Kann neue Kunden schaffen und die Option, sich ständig auszutauschen.

Würden Sie aus heutiger Sicht gesehen noch einmal Ihre Fächer studieren? Oder würden Sie sich dieses mal für etwas anderes entscheiden?

Wenn ich in der Lage wäre, meiner Begabung, also das Schreiben, auch nur als Hobby den passenden (zeitlichen) Rahmen bieten zu können, würde ich wahrscheinlich versuchen, diesmal etwas Konkretes zu studieren. Oder aber , ich würde meine einstigen Studienfächer mit konkreteren Inhalten füllen und vielleicht Seminare über Cesare Pavese gegen pragmalinguistische Veranstaltungen tauschen – und Cesare Pavese zu Hause lesen. Und ich würde auf jeden Fall Einführungsveranstaltungen zu Beginn meines Studiums besuchen. Habe ich damals nicht gemacht und musste, als ich sie dann am Ende meiner Studienzeit besuchte, einsehen, dass mir dieses Rüstzeug vorher einiges erleichtert hätte.


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