Arbeitsmarkt Geisteswissenschaftler Geisteswirtschaft400 Bewerbungen und kein Job“ heißt die Überschrift eines taz-Artikels. Es geht um eine promovierte Historikerin, die trotz aller Bemühungen einfach keinen Job findet. Das sie nicht qualifiziert genug ist, kann nicht der Grund sein. Vermutlich trifft eher das Gegenteil zu, denn sie schreibt:

„Ich bin keine Profilneurotikerin, im Gegenteil. Ich habe eine bodenständige Ausbildung als Bürokauffrau, seit meinem 18. Lebensjahr habe ich in meiner Freizeit in Fabriken am Fließband gearbeitet, mir die Wochenenden in der Kneipe – hinter – der Theke um di,e Ohren gehauen, auf der Messe gearbeitet, Kebab verkauft, in der Molkerei gejobbt, Homepages erstellt, stundenlang für andere Menschen kopiert, in Hostels die dreckige Wäsche gewaschen und die Toiletten geputzt, als Journalistin Kaninchenzuchtvereine auf die Titelseite gebracht, behinderte Kinder gepflegt, Kinofilme vorgeführt und Pärchen den Platz angewiesen, Bierkrüge durch die Gegend geschleppt, Frühstücksteller dekoriert, McDonald’s-Burger gebraten, im Abendkleid Kaffeemaschinen angepriesen, Kinder von Expatriates versucht zu sozialisieren, in PR-Agenturen meine Seele verkauft und beim Fundraising für NGOs wieder gereinigt. Ich bin von Ägypten nach Jordanien, um – mehr – unentgeltliche Arbeitserfahrung zu sammeln und engagiere mich ehrenamtlich für junge Menschen, für Flüchtlinge, Obdachlose, Behinderte und Folteropfer. Nicht engagiert genug? – Aus Sicht vieler Personalchefs hierzulande schon. Je nach rhetorischer Strategie der Entscheider aber auch: zu engagiert.“

So wie es Hauptschulabsolventen gibt, die sich entgegen aller Erwartungen hochgearbeitet haben, gibt es auch Akademiker, die trotz aller Bemühungen durch das Raster fallen und es nicht schaffen in der Wirtschaft Fuß zu fassen. Und es wäre auch falsch, die Augen vor solchen Biografien zu verschließen. Es ist kein Geheimnis, dass der Arbeitsmarkt heut zu Tage von vielen Unsicherheiten geprägt ist, anders als noch vor 20 Jahren. Arbeitnehmer sollen maximal gut ausgebildet aus (Studium, Bestnoten, Sprachkenntnisse, ehrenamtliches Engagement, Berufserfahrungen, Auslandsaufenthalt), sich in dieser kurzen Zeitspanne zwischen „nicht zu jung“ und „nicht zu alt“ befinden (meinen Beobachtungen nach irgendwas zwischen 25 bis maximal 35) und bereit sein, für ein Jobangebot alles stehen und liegen zu lassen und an das andere von Deutschland zu ziehen (vielleicht auch an das andere Ende der Welt – wer weiß). Und so überspitzt diese Anforderungen auch klingen mögen, in vielen Firmen läuft genau so die Auswahl.

Die taz ergänzt den Artikel der Autorin um folgende Randinformationen:

„Trotz guter Ausbildung arbeiten viele Akademiker im Niedriglohnbereich. Oft sind sie prekär im unterbezahlten Kreativbereich beschäftigt. Laut Angaben der Welt am Sonntag, die sich auf das Institut für Arbeit und Qualifikation beruft, erhielt 2012 fast jeder zehnte Akademiker einen Bruttostundenlohn um 9,30 Euro. Die Arbeitslosenquote von Akademikern scheint mit 2,4 Prozent zwar gering, doch täuscht die Zahl. Viele Hochqualifizierte retten sich vor Arbeitslosigkeit in unbezahlte Praktika, Traineeships oder Volontariate. Promovierte kommen hierfür aber meist gar nicht in Frage. Für eine Anstellung im mittleren Management wiederum sind sie den Entscheidern aber oft zu teuer. Für die Chefetage indes fehlt ihnen die Führungserfahrung.“

Ich will hier weder den Artikel, noch die Situation auf dem Arbeitsmarkt schön reden. Es wichtig, davor nicht die Augen zu verschließen und so zu tun, als gäbe es diese Fälle nicht: diese Möglichkeit trotz aller Bemühungen zu scheitern. Trotzdem tue ich mich etwas schwer mit dieser Form der Berichterstattung, denn mir fehlen über das Anprangern des Arbeitsmarktes hinaus die Lösungsansätze. Und damit meine ich keine Tipps zu Bewerbung, nach dem Motto „Die Autorin muss eben ihre Stärken mehr herausarbeiten, dann klappt es auch mit dem Job.“ Das ist Quatsch. Es geht viel mehr darum, welche Optionen wir haben uns dagegen zu wehren. Wir, die Generation, die aktuell studiert und/oder auf Jobsuche ist.

Artikel wie „400 Bewerbungen und kein Job“, deren Autorin dann auch noch Geisteswissenschaftlerin ist, schüren Angst. Man bleibt als Leser mit einem Gefühl der Ohnmacht zurück. Das heißt nicht, dass solche Artikel nicht geschrieben werden sollen oder Betroffene nicht erzählen sollen, welche Erfahrungen sie gemacht haben. Aber ich wünsche mir am Ende kein Gefühl der Ohnmacht sondern der Aufbruchsstimmung. Ein Gefühl von „Lasst uns etwas ändern“.

Geisteswissenschaftler zweifeln ohnehin schon mehr an sich und ihrer Qualifikationen für die Wirtschaft, als andere Fachbereiche. Zu laut sind die Stimmen, die ständig von überall her (Familie, Freunde, Medien) rufen: „Was kannst du eigentlich?“,  „Was willst du nach der Uni mal machen?“, „Bekommt man mit dem Abschluss überhaupt einen Job?“. Aus meiner Sicht ist also niemandem damit geholfen, wenn immer neue Artikel davon handeln, was Akademiker oder im speziellen Geisteswissenschaftler denn für arme Schweine sind. Insbesondere wenn man mit dieser vermeintlichen Feststellung als Leser dann auch noch allein gelassen wird, ohne Lösungsansatz, ohne Gegenbeispiel, ohne Perspektive.

Es liegt vermutlich auch in der Natur der Medien, dass sich Artikel wie „400 Bewerbungen und kein Job“ besser verkaufen und mehr Leser erreichen als Artikel wie „10 Bewerbungen und Festanstellung“. Dabei ist es auch hier eine Sache des Blickwinkels. Die taz schreibt: „Laut Angaben der Welt am Sonntag, die sich auf das Institut für Arbeit und Qualifikation beruft, erhielt 2012 fast jeder zehnte Akademiker einen Bruttostundenlohn um 9,30 Euro.“ Im Umkehrschluss heißt das aber nichts anderes, als dass 9 von 10 Akademiker mehr als 9,30 Euro brutto verdienen und von ihren Gehalt vermutlich auch gut leben können. Und das ein Studium am Ende trotz allem noch immer der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit ist. Denn was ist die Alternative? Nicht zu studieren? Bei der Gruppe der Nichtakademiker wird es sicherlich mehr Arbeitnehmer geben, die für 9,30 Euro brutto die Stunde arbeiten. Oder weniger.

Ich plädiere also dafür, sich von solchen Artikeln, auch wenn sie auf relevante Missstände hinweisen, nicht einschüchtern zu lassen. Vielmehr sollte man sich nach deren Lektüre motivieren, selbst die bestmöglichen Vorbereitungen für den Jobeinstieg zu schaffen (Thema Netzwerken oder Berufsvorbereitung). Und sich auch mit der Frage nach Alternativen beschäftigen: Was tue ich, wenn es mit dem Berufseinstieg nicht klappt? In welcher Stadt/in welcher Branche gibt es freie Stellen? Gibt es Zusatzqualifikationen, die für mich in Frage kommen? Kann ich mich auf ein bestimmtes Thema/Berufsfeld spezialisieren? Kommt eine freiberufliche Tätigkeit oder Selbstständigkeit für mich in Frage? Wie viel Geld brauche ich überhaupt um über die Runden zu kommen und glücklich zu sein? Wie definiere ich „Erfolg“?

Trotz der vielen negativen Presse über unsere besagte Generation Y, den aktuellen Arbeitsmarkt und die Schmach über Geisteswissenschaftler – ich habe keine Lust in diesem Sumpf aus Pessimismus und Zukunftsangst zu versinken. Akademiker haben noch immer die besten Jobchancen auf dem Arbeitsmarkt, verglichen mit Nichtakademikern. In Deutschland ist der Arbeitsmarkt noch immer stabiler und chancenreicher als in vielen anderen Ländern. Und Entwicklungen wie der demografische Wandeln oder Unternehmen, in denen alle auf Augenhöhe miteinander arbeiten, lassen mich hoffen, dass unterm Strich die Zukunftsaussichten alles andere als düster sind. Auch Konzepte wie das bedingungslose Grundeinkommen sind es meiner Meinung nach wert, dass man sich darüber Gedanken macht und vielleicht sogar dafür einsetzt.

Und letztendlich wünsche ich mir einfach mehr Artikel in den Medien, die nicht nur aufschreien und anprangern (was wie gesagt durchaus wichtig ist!), sondern sich darüber hinaus auch für Gegenmodelle, Lösungen und Antworten stark machen. Debatten lostreten. Und vor allem Vorbilder zeigen. Zumindest habe ich mir das für Geisteswirtschaft auf die Flagge geschrieben.