Erinnert ihr euch noch an die Schulzeit und wie man uns sagte, dass wir keine Taschenrechner benutzen dürfen, weil wir später auch nicht immer einen dabei haben werden? Heute haben wir Dank unserer Smartphones nicht nur den Taschenrechner immer bei uns, sondern tragen das Internet stets griffbereit in der Hosentasche. Und nicht nur das: So richtig smart werden unsere Smartphones erst dank KI-Algorithmen. Im Grunde tragen wir rund um die Uhr komplexe Sprach- und Bilderkennungssysteme mit uns herum. 

Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) ist heutzutage allgegenwärtig. Selbstständig lernende Maschinen prägen bereits unseren Alltag und werden unsere Zukunft mitbestimmen. KI-basierte Verfahren verändern zunehmend den Arbeitsmarkt und revolutionieren die Forschung. Selbst die Sprachforschung und die Bildwissenschaft profitieren von KI-Ansätzen im Bereich der Digital Humanities und eröffnen neue Forschungs- und Handlungsfelder für die Geisteswissenschaften.

Anlässlich des Wissenschaftsjahres 2019 „Künstliche Intelligenz“ widmeten sich im Colloquium Fundamentale des ZAK Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Publizistik und Politik aktuellen Fragen zur Entwicklung der KI-Technologien. Ist eine KI-gesteuerte Gesellschaftsordnung Zukunftsmusik oder bereits Realität? Übernimmt die rasante Technologieentwicklung den Gesellschaftsdiskurs oder gibt es bereits Ansätze, um eine KI-geprägte Zukunft ethisch mitzugestalten? Und welche Anwendungsbereiche der KI existieren eigentlich schon, von denen wir kaum etwas wissen? Im Vordergrund stehen sowohl die Vorteile neuester technologischen Entwicklungen als auch die Argumente von KI-Gegnern sowie die Frage nach jenen KI-Technologien, die längst unseren Alltag in vielerlei Hinsicht mitgestalten.

Das ZAK fördert als zentrale wissenschaftliche Einrichtung des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) durch seine vielfältigen Lehrangebote nicht nur die fachübergreifende und interkulturelle Bildung, sondern setzt sich mit seinen Förderprogrammen auch gezielt für die individuelle soziale Weiterbildung junger Menschen ein. Zudem stärkt es damit und durch angewandte Forschung und Projekte den interdisziplinären Austausch am KIT und schafft durch seine öffentliche Wissenschaft Raum für den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Das ZAK möchte auf diese Weise wichtige Leistungen erbringen, um die gesellschaftliche Verantwortung des KIT in Forschung, Lehre und Innovation nachhaltig zu sichern.

Schach dem Menschen. Deep Blues Sieg und die Geschichte Künstlicher Intelligenz.

Prof. Dr. Martina Heßler ist Professorin für Technikgeschichte an der Technischen Universität Darmstadt. In ihrem Vortrag greift sie den Schachcomputer Blue auf, der im Jahr 1997 den langjährigen Schachweltmeister Garri Kasparov besiegte. Das Turnier war ein inszeniertes Spektakel, das ein immenses Medienecho auslöste und als Meilenstein der KI-Forschung gefeiert wurde. Das inzwischen historische Beispiel eignet sich, um – mit einiger historischer Distanz – Grundfragen eines Mensch-KI-Umgangs zu diskutieren. 

Eine für den Menschen fundamentale Frage muss immer wieder gesellschaftlich neu verhandelt werden, nämlich die nach der Position und Rolle des Menschen in einer technisierten Welt. Wie ist unser Mensch-Maschinen-Verhältnis? Gemeint sind hier zum Beispiel die Arbeitsteilung zwischen Menschen und Maschinen, die Hierarchien, aber auch das alltägliche Zusammenleben. 

Die Frage, welchen Einsatz Maschinen in der Gesellschaft haben, wurde bereits von Philosophen wie Aristoteles behandelt, spätestens jedoch mit der Industrialisierung wurde sie zum gesamtgesellschaftlichen Thema. Die Forschung rund um Künstliche Intelligenz begann in den 1940er Jahren und war von vielen Höhen und Tiefen geprägt. Die heutigen KIs sind das Ergebnis langer und komplexer Forschungen. Allein die Entwicklung des Schachcomputers Blue dauerte rund 40 Jahre und basiert auf der Arbeit vieler verschiedener Forscherinnen und Forscher. 

Als Blue 1997 gewann, kommentierten viele Beobachter Science Fiction sei nun real geworden. Anders als im Vorfeld des Turniers, wurden nach dem Sieg viele relativierende und gegnerische Stimmen laut. Es kristallisierte sich heraus, dass Menschen lieber unter sich bleiben wollen. Der Sieg des Computers wurde als Niederlage der Gattung Mensch wahrgenommen und anthropozentrische Ängste um die Sonderstellung des Menschen wurden laut. 

Momentan scheint die Frage, wie weit wir Künstliche Intelligenz in unser Leben lassen, weitgehend entschieden. Computer werden als Intelligenzverstärker eingesetzt und sollen die Eigenschaften und Fähigkeiten der Menschen verstärken und zwar immer unter der Kontrolle des Menschen. Wir sprechen hier auch von einem kollaborativen Mensch-Maschine-Verhältnis, in dem die Hierarchie allerdings klar definiert ist und der Mensch stets die Kontrolle hat. Die Historie zeigt, dass Menschen sich erst einmal in Konkurrenz zur Maschine interpretieren. Eine Überlegenheit der Maschinen wird dann akzeptiert, wenn diese als Werkzeug umgedeutet werden kann.

Mobile maschinelle Wahrnehmung für Automatische Automobile. Wenn Autos besser fahren als wir Menschen…

Individuelle Mobilität ist für uns Menschen ein hohes Gut. Sie bildet die Basis des Wohlstands und trägt direkt zur Lebensqualität bei. Auf der Kehrseite fordert sie einen hohen Preis in Form von Verkehrsunfällen mit zahlreichen Verletzten und Toten, Umweltbelastung durch Lärm und Abgase, Ressourcenverbrauch durch Verkehrsträger sowie Produktiv- und Freizeitverluste durch Staus.

In dieser Situation eröffnen jüngste Entwicklungen im Automobilbereich attraktive Chancen, auf die Prof. Dr. Christoph Stiller, Leiter des Instituts für Mess- und Regelungstechnik des Karlsruher Instituts für Technologie, in seinem Vortrag eingeht. So entstehen derzeit in weltweiten Forschergruppen automatische Fahrzeuge. Diese generieren durch Sensorik und digitale Karten ein aktuelles Modell des Fahrzeugumfelds und können auf Basis dieser Information in zunehmend komplexen Situationen geeignete Fahrten planen und umsetzen. Automatische Automobile werden einen erheblichen Beitrag zur Verringerung schwerer Verkehrsunfälle leisten, so dass ihre Einführung aus Sicht der Verkehrssicherheit sinnvoll ist. Gleichzeitig werden sie – nicht nur in der Einführungsphase – auch einige Unfälle verursachen, die menschliche Fahrer nicht gemacht hätten. Insofern stellt sich die Frage nach der bestmöglichen Einführungsstrategie, die durch einen insgesamt möglichst hohen Sicherheitsgewinn in der Gesellschaft akzeptiert werden kann.

Bei 1,25 Millionen Verkehrstoten weltweit pro Jahr (davon 40.000 in der EU und 3500 in Deutschland), ist es das Ziel des autonomen Fahrens, ein schlechtes Verkehrssystem durch ein besseres und in diesem Sinne sichereres System zu ersetzen. Die Unfallrate bei autonomen Fahrzeugen liegt derzeit bei 200 Millionen km, das heißt statistisch ist erst nach dieser Distanz ein Unfall mit Todesfolge zu erwarten. Wäre es angesichts dieser Zahlen nicht sogar unsere ethische Pflicht, diese Technik einzuführen, um Menschenleben zu schützen?  

PrognoNetz – Künstlich intelligente Prognose der Belastbarkeit des Stromnetzes

Die Verfügbarkeit von Strom ist heute wichtiger als noch vor 30 oder 40 Jahren. Allein das Internet fordert eine rund um die Uhr funktionierende Stromversorgung. Allerdings bringt der starke Ausbau von erneuerbaren Energien (Windenergie in Norddeutschland und Photovoltaik im Süden) zusammen mit dem gestiegenen internationalen Stromhandel die Stromübertragungsnetze bereits an ihre Grenzen. Um die Übertragungskapazität der Freileitungen zu erhöhen und somit die Abschaltung von Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien zu vermeiden, scheint ein erheblicher Ausbau der bestehenden Netzinfrastruktur erforderlich. Dies bedarf jedoch langwieriger Genehmigungsverfahren und ist sehr kostenintensiv.

Die Entwicklung eines flächendeckenden, meteorologischen Netzwerks, welches hinreichend nah an die Freileitungen angeordnet ist und dort mittels intelligenter Sensorknoten die Witterungsbedingungen erfasst, soll diese Probleme lösen und eine zuverlässige Alternative zur heutigen Technik anbieten. Wie genau eine KI hier eingesetzt wird, erläutert Prof. Dr. rer. nat. Wilhelm Stork, Leiter des Bereichs Mikrosystemtechnik am Institut für Technik der Informationsverarbeitung am Karlsruher Institut für Technologie in seinem Vortrag. Neu zu entwickelnde Algorithmen sollen dazu eine selbstlernende Funktion anbieten, welche zur automatisierten Erstellung von genaueren Strombelastbarkeitsprognosen auf Basis von den verteilt gemessenen Wetterdaten führt.

Überlegungen zu künstlicher Intelligenz und maschineller Moral

Die Künstliche Intelligenz hat zunächst die menschliche oder tierische Intelligenz als Referenz und versucht, sie in bestimmten Aspekten abzubilden. Sie kann zudem anstreben, von der menschlichen oder tierischen Intelligenz abzuweichen, etwa indem sie mit ihren Systemen die Probleme anders löst. Die Maschinenethik widmet sich der maschinellen Moral, bringt sie hervor und untersucht sie. 

Prof. Dr. Oliver Bendel ist Professor am Institut für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Bendel hat Philosophie und Germanistik studiert und untersucht das Verhältnis zwischen Mensch bzw. Tier und Maschine. Er fragt danach, wie die Maschine der Gegenwart und Zukunft beschaffen sein soll. Die Risiken und Chancen autonomer Maschinen kann man nicht pauschal beurteilen, sondern nur mit Blick auf bestimmte Anwendungsbereiche. Eine Möglichkeit ist es, Produkte und Prototypen zu beschreiben, ethische Fragen aufzuwerfen und diese mit Hilfe ethischer Begriffe und Methoden zu beantworten. Dazu geht Bendel in seinem Vortrag auf verschiedene Beispiele aus der Praxis ein und zeigt die verschiedenen Fragen der unterschiedlichen Disziplinen auf.

So wurde beispielsweise ein Staubsaugerroboter namens Lady Bird entwickelt, der so programmiert war, dass er keine Tiere tötet indem er keine Insekten einsaugt. Das wirft eine Reihe von Fragen auf. Nicht nur, was mit den gesammelten Daten passiert, sondern auch, ob man diese Moraleinstellungen beispielsweise verändern darf. Sollte man ein Produkt wie den tierschützenden Staubsauger mit einer Art Moralregler versehen, sodass Menschen mit Angst vor Spinnen einstellen können, dass diese weggesaugt werden? 

Grundsätzlich ist es Bendel wichtig, zwischen den Begriffen der Informationsethik und der Maschinenethik zu unterscheiden. Die Informationsethik hat die Moral (in) der Informationsgesellschaft zum Gegenstand. Als Reflexionsdisziplin untersucht sie die Chancen und Risiken eines Einsatzes von Informations- und Kommunikationstechnologien. Andere Bereichsethiken sind z.B. die Medizinethik und die Wirtschaftsethik.

Die Maschinenethik hingegen hat die Moral von (teil-)autonomen Maschinen zum Gegenstand; sie ist nicht nur Reflexions-, sondern auch Gestaltungsdisziplin und arbeitet mit KI und Robotik zusammen. Das heißt hier wird in der Philosophie nicht mehr nur reflektiert, sondern aktiv neu gestaltet, was der Disziplin ganz neue Handlungsfelder eröffnet. 

Wer noch ein bisschen mehr darüber lesen möchte, warum IT und Ethik zusammen gedacht werden sollten, der wird in dem Artikel “Ethik und Künstliche Intelligenz – Ethische Fragestellungen der Gestaltung und Anwendung von KI-basierten Systemen” aktuelle Reflexionen dazu finden. 

Das Colloquium Fundamentale des KIT bietet jedes Semester ein neues Thema, zu dem interessante und namhafte Gäste referieren. Mehr Informationen sowie das jeweilige Semesterprogramm finden sich auf http://www.zak.kit.edu/colloquium_fundamentale.


Dieser Artikel ist zuerst auf dem Blog der NETSYNO Software GmbH erschienen: https://blog.netsyno.com/2020/kunstlich-aber-real-die-stille-revolution-der-ki-technologien/