Es geht nicht darum marktkonform zu werden

Ihr lieben GeisteswirtschaftlerInnen da draußen,

wie ihr sicher gemerkt habt, ist es in den letzten Wochen ein wenig ruhiger um Geisteswirtschaft geworden. Ich habe kaum gebloggt. Das lag zum einen daran, dass ich viele Termine und Einladungen gegen Jahresende hatte und kaum zum bloggen gekommen bin. Ein weiterer (und wenn nicht sogar der ausschlaggebende) Grund war und ist jedoch, dass ich mir sehr viele Gedanken zum Konzept von Geisteswirtschaft gemacht habe.

Alles, worüber ich auf Geisteswirtschaft schreibe, veröffentliche ich, weil ich voll und ganz dahinter stehe. Ich möchte nicht einen Karrieretipp nach dem anderen raushauen, sondern authentisch über das schreiben, was meiner Meinung nach andere GeisteswissenschaftlerInnen interessieren könnte und vor allem weiter bringen könnte.

Nun ist es so, dass ich mir seit einigen Monaten viele Gedanken darüber mache, wo ich selbst einmal beruflich hin will. Ich habe dazu auch einige konkrete Ideen und Pläne, aber was mich immer wieder beschäftigt, ist die Frage, welchen Stellenwert Arbeit in meinem Leben eigentlich aktuell einnimmt und in Zukunft einnehmen soll. Und ob das gut oder schlecht ist. Ich glaube, ich kann von mir sagen, dass ich ein sehr ehrgeiziger Mensch bin und bisher auch immer viel gearbeitet habe. Mal weil ich es musste um über die Runden zu kommen, mal weil es mir Spaß gemacht hat und ich tolle Angebote bekommen habe. Trotzdem kreist es mir immer wieder durch den Kopf, dass Arbeit nicht alles ist.

Keine Sorge, ich habe nicht vor Geisteswirtschaft aufzugeben. Aber ich möchte hier auch nicht das Bild vermitteln, dass es mit allem, was man tut, immer nur darum geht, marktkonform zu werden um einen Job zu bekommen. Ich merke für mich selbst zunehmen, dass ich es leid bin, meinen Lebenslauf danach zu untersuchen, ob er denn auch stimmig genug ist und den Firmen und Unternehmen gefallen wird. Ich bin es leid mich schlecht zu fühlen, weil ich durch die vielen Nebenjobs und Projekte meine Regelstudienzeit überzogen habe und man immer suggeriert bekommt, nur die Besten und Schnellsten werden erfolgreich. Ich bin es leid in meinem Studium alles durchzupowern, um dann am Ende in einem 40-60 Stunden Bürojob zu sitzen, in dem ich tagtäglich gesagt bekomme, was ich zu tun habe. Und das vermutlich noch für ein unangemessenes Gehalt.

Aber wie lautet die Lösung? Tatsache ist nun einmal, dass wir alle am Ende des Studiums nicht arbeitslos sein wollen, ganz egal welches Fach wir studiert haben. Jeder muss irgendwann allein seine Brötchen verdienen. Ich fühle mich oft hin und her gerissen zwischen meinem Sicherheitsdenken und meinem Ehrgeiz beruflich weiter zukommen und der Angst vor dem Hamsterrad für die nächsten 30 -40 Jahre bis zur Rente. Für mich selbst habe ich vorerst die Lösung gefunden, mich von den Anforderungen des Arbeitsmarktes (aber auch der Gesellschaft) frei zu machen. Ich werde die Semesterzahl brauchen, die ich nun einmal brauche, um alles angemessen und gut zu Ende zu bringen. Ich werde die Kurse besuchen und die Jobs annehmen, die mir Spaß machen und auch mal Angebote absagen, selbst wenn sie sich gut im Lebenslauf machen würden. Ich werde mein Privatleben und meine Gesundheit nicht (mehr) zu Gunsten meiner Karriere vernachlässigen.

Die Vorstellung, die mich antreibt, ist die, dass ich nach der Uni schon einen Job finden werde, der mir Spaß bereitet und meinen Vorstellungen entspricht. Dass ich nicht gezwungen bin, jedes noch so blöde Angebot anzunehmen, weil mir nichts anderes übrig bleibt. Und selbst wenn ich irgendwo abgelehnt werde, dass ich einen Plan B und einen Plan C in der Tasche habe. Und warum? Weil ich glaube, dass ich gut bin in dem was ich tue, ganz egal wie lang ich studiert habe und ob ich im Ausland war oder nicht. Und es ist mir wichtig, euch genau DAS auf Geisteswirtschaft zu vermitteln. Ich gebe euch keinen Imput für den Berufseinstieg, damit ihr alle brav so werdet und agiert, wie die Firmen es gern hätten. Dafür gibt es sicherlich unzählige, andere Karriereblogs. Vielmehr möchte ich euch dazu aufrufen das Beste aus euch zu machen, damit IHR am Ende die Zügel in der Hand habt. Je besser qualifiziert man ist, um so größer sind die Chancen, dass man sich seinen Job aussuchen kann. Dass man bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen (Gehalt, Arbeitszeit, Verantwortung) mitreden kann. Und das man auch mal Angebote ablehnen und Jobs kündigen kann, ohne direkt vom Rand der Erde zu fallen. Es geht darum die Spielregeln des Marktes für sich zu nutzen und nicht einfach nur zu erfüllen.

Macht das Beste aus euch um euer selbst willen. Das kann zum Beispiel bedeuten, so gut qualifiziert zu sein, dass ihr vielleicht nur 30 Stunden im Monat arbeitet, damit ausreichend verdient und den Rest der Zeit für Dinge nutzt, die euch Freude machen. Oder dass ihr freiberuflich arbeit um ortsunabhängig zu sein und zu reisen. Berufsziel: Digitaler Normade. Egal was euer Ziel ist: am Ende soll es darum gehen, dass ihr glücklich seid mit dem was, was ihr macht. Dass die Bezahlung stimmt, dass die Arbeitszeit stimmt und dass ihr ernst genommen werdet.

Ich werde Geisteswirtschaft also weiterführen, aber in Zukunft auch mal alternativere Lebens- und Arbeitskonzepte vorstellen. Es soll stärker um euch gehen, um den Menschen und nicht darum, wie man um jeden Preis die Bedürfnisse des Marktes befriedigt.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen (leicht verspäteten) tollen Start ins neue Jahr und das ihr auf eure ganz individuelle Art erfolgreich sein werdet.

Gianna

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There are 3 comments

  1. Editor

    Liebe Gianna,

    ein ehrenwertes Ziel hast du dir da gesetzt. Ich freue mich darauf, ab und zu mal ‚reinzuschauen und über die alternativen Berufsmöglichkeiten zu lesen. Fakt ist aber auch, dass alle home-offices und alle freelancer dieser Welt nicht darüber hinweg täuschen werden, dass das System in den Geisteswissenschaften am Arbeitsmarkt vorbei ausbildet. Fakt ist, dass ein nicht geringer Teil der Anglisten, Germanisten, etc. nicht die Wahl haben wird ob er 20, 30 oder 40 Stunden arbeitet – von Ort und Art der Arbeit mal ganz abgesehen. Zumindest nicht, wenn die Studenten nicht schon während des Studiums gewisse Maßnahmen treffen.
    Anyway, vielen Dank für die Info auf dieser Seite.

  2. Patrick Sahle

    Man muss es ja immer wieder sagen. Bei uns ist die Wirklichkeit so: In den letzten vier Jahren 20 Leute eingestellt (und dutzende Bewerbungen gesichtet) – dabei kein Mal auf Semesterzahlen, Alter oder Noten geschaut. Was uns interessiert ist, ob jemand das gut macht, was er/sie macht. Grundlage dafür: echtes Interesse, Eigenmotivation, Kompetenz. Möglichst breite Kompetenzen sind schon wichtig, aber die Fähigkeit, schnell Neues zu lernen ist wichtiger.

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