Interview mit der Freiberuflerin Dr. Wenke Bönisch

Wenke Bönisch

Wenke Bönisch

Frau Bönisch, Sie haben Mittlere und Neuere Geschichte sowie Kunstgeschichte an der Universität Leipzig studiert. Warum haben Sie sich für diese Fächer entschieden?

Meine Fächerwahl in den Geisteswissenschaften ist ja recht typisch für eine Frau ;-). Meine Entscheidung beruhte nicht auf eine diffuse Angst vor einem naturwissenschaftlichen Studium, sondern aus einem echten, tiefgehenden Interesse, vor allem an der Geschichtswissenschaft, das ich schon in der Oberstufe hatte. Da wählte ich eher zufällig Geschichte als Leistungsfach, hatte eine sehr gute Lehrerin, die in mir die Begeisterung für das Fach weckte. Nach einem entsprechenden erfolgreichen Abitur habe ich mich eben für ein solches Studium entschieden, und die Wahl bis heute nicht bereut.

Ist ihr Studium so verlaufen, wie Sie es sich anfangs vorgestellt haben? Gab es Enttäuschungen oder Überraschungen?

Allzu viele Gedanken hatte ich mir vorher nicht gemacht, obwohl ich einen klaren Plan schon hatte: Das Studium konsequent und zügig durchziehen, schließlich wollte ich irgendwann aus diesem „Schülersein“ herauskommen und endlich zu den „Erwachsenen“ gehören ;-). Über das Grundlegende, wie so ein Studium abläuft, hatte ich mich vorher natürlich mit einem Schnuppertag an der Universität noch zu Abiturzeiten und dem entsprechenden Infomaterial informiert. Da meine Lehrerin schon während der Oberstufe das Lernniveau sehr an das des Studiums angepaßt hatte, hatte ich auch zu Studienbeginn keine Probleme gehabt.

Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Neben der elterlichen Unterstützung hatte ich seit dem Hauptstudium eine Stelle als studentische Hilfskraft. Zudem war ich auch noch Stipendiatin, da gab es neben der ideellen Förderung noch das Büchergeld.

Hatten Sie schon im Studium eine Vorstellung davon, welchen Beruf Sie später einmal ergreifen möchten?

Oha, die berühmte Frage nach dem „was machst du dann“! Tja, es gibt Tage, da weiß ich selbst heute noch keine genaue Antwort darauf. Das Problem bei geisteswissenschaftlichen Studien ist das Unkonkrete. Es gibt kein eindeutiges Berufsbild als Historiker oder Germanist. Man lernt ein paar mehr oder weniger sehr spezielle Fachkenntnisse und dann ganz viel Weiches, das heute unter Soft Skills läuft. Probleme selbständig zu erkennen, dann die Lösungen zu entwickeln und sich in neue Gebiete einzuarbeiten. Das ist die Herausforderung und Krux an dem Studium.
Natürlich gibt es ein, zwei konkrete Berufsbilder für den Historiker: Archivar oder eben an der Universität/Forschungseinrichtung arbeitender Wissenschaftler. Klar hätte ich mir eine entsprechende Stelle gerne gewünscht. Jedoch sind diese a) Mangelware, b) oft schlecht bezahlt und c) meistens nur befristet. Schaut man sich dann während des Studiums die Berufsanfänger in diesen Gebieten an, bekommt man schnell einen ungefilterten Eindruck von einer unsicheren Zukunft. Für mich war da immer etwas abschreckendes, erst recht mit Blick auf eine Familiengründung.

Sind Sie der Meinung dass man ein Studium möglichst schnell und diszipliniert abschließen sollte um so früh wie möglich in den Arbeitsmarkt einzusteigen oder sollte man die Unizeit nutzen, um sich selbst auszuprobieren und auch einmal über den Tellerrand zu schauen?

Die Zeit des Studiums sollte man für sich als letzten Schritt zur Reifung zu einem verantwortungsbewußten und -übernehmenden Erwachsenen nutzen. Das setzt das erstere voraus und schließt letzteres nicht aus. Also konsequent studieren (erst recht, wenn man von den Eltern finanziert wird) und auch mal nach links und rechts schauen. Es ist eine so wunderbare Zeit von viel persönlicher Freiheit und auch Freiraum. Da sind in der Regel keine mahnenden Eltern mehr, man lebt das erste Mal alleine ohne Kontrolle, da gibt es keinen, der einem bestimmte Punkt im Alltag vorschreibt. Fast wie das Paradies, wenn man da nicht als junger Mensch sich darin verliert und keine Eigenkontrolle entwickelt, so wie das kleine Kind im Spielzeugladen. Das ist doch der eigentliche Punkt im Studium, auf den es ankommt. Wenn man ihn erreicht hat, dann läuft alles, dann ist genügend Zeit fürs Ausprobieren, was man dann auch tun sollte.

Nach ihrem Studium haben Sie sich für eine Promotion in Geschichte entschieden. Was waren ihre Beweggründe für diese Entscheidung?

Ohne Promotion hätte ich in den angrenzenden Tätigkeitsfeldern keine Chance auf eine (befristete, schlecht bezahlte ;-)) Stelle gehabt. Darüber hinaus hat es mir Spaß gemacht, selbständig zu forschen, ein Thema zu bearbeiten. Ohne diese Voraussetzung hätte ich die Promotion nicht geschafft. Denn sie besteht aus 5 Prozent Inspiration, Kreativität und 95 Prozent harter Fleißarbeit über Jahre hinweg. Ein Zuckerschlecken ist eine Promotion nicht.

Aktuell arbeiten Sie als Freiberuflerin und bieten Ideen, Konzepte, Beratung und Projektarbeit für die Wissenschaft und das Publizieren im digitalen Zeitalter an. Wie kam es zu dem Schritt in die Selbstständigkeit und wer sind Ihre Kunden?

Meine Selbständigkeit ist so ein biographischer, glücklicher Zufall. Während meiner Promotion half ich einem Freund beim Aufbau eines Wissenschaftsverlages, übernahm dort von der Autorengewinnnung und –betreuung, über die Vertraggestaltung, Satz bis zu Marketing die Aufgaben. Wir waren beide Doktoranden, kannten die schwierige Situation beim Publizieren und suchten und boten andere Lösungswege an. In dieser Zeit hatte ich gemerkt, wie mir das Thema lag, da ich auf meine eigenen Erfahrungen bzw. die meiner Kollegen, Bekannten und Freunde zurückgreifen konnte, also ganz aus der Praxis kam. Zugleich sah ich, wieviel Nichtwissen (Nachwuchs)Wissenschaftler im Bereich Publizieren und Kommunikation haben. Daraus entstand dann mit der Zeit meine freiberufliche Tätigkeit zu Publizieren im digitalen Zeitalter, Wissenschaftskommunikation und Social Media. Da ich mich als Schnittstelle und vermittelndes Sprachrohr für Verlage, Universitäten, Wissenschaftler und Bibliotheken sehe, bin ich froh, aus allen Bereich meine Kunden beraten und betreuen zu können.

Was haben Sie im Studium bzw. während der Promotion gelernt, was Ihnen in Ihrer bisherigen Berufslaufbahn von Nutzen war?

Selbständiges, diszipliniertes, konsequentes Arbeiten. Sich mal durchbeißen durch tröge Zeiten. Selbstmotivation. Selbstbewußtes Auftreten. Und natürlich auch das Netzwerken, das in solchen Tätigkeitsfeldern nicht unwesentlich ist.

Gab es Dinge, die Sie neben Ihrem Studium gelernt haben und die Ihnen später von Nutzen waren?

Hm, schwer zu beantworten. Mein Studium, außeruniversitäre Aktivitäten und erste berufliche Stationen waren immer zeitlich überlappend und inhaltlich miteinander verwoben. Es gab bei mir kein Studium hier und Privatleben dort trennscharf geteilt. Es war eins, was so schön für mich war. Also habe ich Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen aus dem einen immer im anderen wiedergefunden.

Was würden Sie Studenten / Absolventen raten, die einmal in Ihrem Beruf / Ihrer Branche tätig werden wollen bzw. über das Thema Selbstständigkeit nachdenken?

Also wer heutzutage bei der Arbeitssituation als Historiker arbeiten will, der muß schon ein eine größere Portion Idealismus und Altruismus mitbringen. Ich will nicht gleich davon abraten, aber lieber zum mehrmaligen Nachdenken raten, ob man sich es antun will.
Anders sieht es bei der Selbständigkeit aus. Wer als Persönlichkeit dafür geeignet ist (also alleine mit einem hohen Maß an Selbstdisziplin zu arbeiten, unsichere Zeiten aushalten zu können und gleichzeitig auch seine privaten Interessen/Leben nicht komplett der Selbständigkeit unterzuordnen), dem empfehle ich es gerne. Es gibt eben Menschen, die sind in einer Selbständigkeit besser aufgehoben als in einem sicheren Angestelltendasein, wo sie nur unglücklich wären. Darüber sollte man sich klar werden. Die Idee, die Umsetzung und der Geschäftsplan ergeben sich dann von alleine. Ich kenne viele Kollegen aus der Branche, die irgendwie in die Selbständigkeit hineingerutscht sind. Weniger geplant, als vielmehr dem biographischen Schicksal geschuldet.
Eins wäre mir wichtig: ein 180-Grad-Wende im Berufsleben ist kein Beinbruch, denn im Verlauf des Lebens gibt es immer mal wieder neue Prioritäten, neue Lebensabschnitte. Wichtig ist dabei nur, daß man immer mit vollem Herzen bei seinen Entscheidungen dabei ist, sich klar über seine persönlichen Ziele ist, sich nicht von Dritten durchs Leben hetzen läßt.

Würden Sie aus heutiger Sicht gesehen noch einmal Mittlere und Neuere Geschichte sowie Kunstgeschichte studieren? Oder würden Sie sich dieses mal für etwas anderes entscheiden?

Ab und zu spiele ich mit dem Gedanken, hättest Du doch damals XYZ studiert, dann wäre heute das oder das einfacher. Aber im Grunde meines Herzens bereue ich meine Studienwahl nicht. Sie war genau so richtig. Und wäre ich wieder im damaligen Alter, ja, ich würde es noch einmal studieren.


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