Wer das Falsche studiert, wird keinen Job finden. Ist das so?

geisteswissenschaftlerWer das Falsche studiert, wird keinen Job finden“ lautet die Überschrift des Artikels von Filipp Piatov, der kürzlich auf welt.de erschien und hohe Wellen schlug. In den sozialen Netzwerken wurde heftig diskutiert, ob der junge Mann Recht hat oder völlig daneben liegt. Piatov plädiert dafür, dass ein Studium eine Ausbildung ist und kein Selbstfindungstripp und man sein Studienfach nach den Jobchancen und nicht nach eigenen Vorlieben auswählen sollte. Dabei schießt er vor allem gegen die Geisteswissenschaften:

„Karriere kann auch bei Geisteswissenschaftlern bestens funktionieren. Nur nicht bei allen. Die Wirtschaft beklagt eine übertriebene Anspruchshaltung und mangelnde Praxiskenntnisse. Den Geisteswissenschaften gegenüber spricht sie die deutlichste Sprache: Sie bietet ihnen schlichtweg keine Arbeitsplätze an. Zwar subventioniert Deutschland als Kulturnation großzügig Theater, Museen und alle möglichen Stiftungen, doch nicht für jeden Geisteswissenschaftler findet sich dort ein Arbeitsplatz. […] Dabei sollten viele junge Leute eines begreifen. Das Studium ist kein Selbstfindungstrip, sondern eine Ausbildung. Fünf Studienjahre ohne anschließenden Job sind fünf weggeworfene Jahresgehälter. Anstatt sich romantischen Illusionen hinzugeben, sollte man lieber fünf Minuten googlen. Jeder, der erst nach zwei Hochschulabschlüssen merkt, dass er auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt ist, trägt die Schuld dafür ganz alleine.“

Das Geisteswissenschaftler teils unzureichende Praxiserfahrungen haben, die dann auch dazu führen, dass der Berufseinstieg schwerer fällt – da mag ich Piatov noch zustimmen. Alles andere löst jedoch nur noch Kopfschütteln bei mir aus. Das die Wirtschaft den Geisteswissenschaftlern schlichtweg keine Arbeitsplätze anbieten würde ist eine glatte Lüge. Und es klingt fast so, als würde man mit jedem anderen Studienfach vom Arbeitsmarkt förmlich aufgesogen werden – eben nur als Geisteswissenschaftler nicht. Was für ein Unfug! Tatsache ist, dass der Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler sehr heterogen ist und es deshalb auch Quatsch ist von „dem Arbeitsmarkt“ zu sprechen. Natürlich wollen viele Absolventen in die klassischen Berufsfelder Kultur und Medien, aber letzt endlich können Geisteswissenschaftler in nahezu jeder Branche arbeiten. Und natürlich gibt es dort auch Arbeitsplätze. Es wird zwar nicht speziell nach einem Germanisten oder Geschichtswissenschaftler gesucht, aber nach einem Social Media Profi oder Kommunikationsexperten – und genau DAS sind die Jobs, für die Geisteswissenschaftler prädestiniert sind.

Und an der Frage, ob ein Studium nun nach persönlichen Vorlieben und Stärken oder nach der Wirtschaftlichkeit ausgewählt werden sollte, daran scheiden sich seit jeher die Geister. BWL zu studieren ist auf jeden Fall kein Allerheilmittel – insbesondere dann nicht, wenn man sich auf Grund von fehlendem Interesse durch das Studium kämpfen muss. Wer sein Studienfach aus Überzeugung wählt und gut ist in dem was er tut, der hat bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt unterzukommen, als jemand, der ein gefragtes Fach studiert aber null Begeisterung dafür aufbringen kann. Piatov schreibt zudem: „Studier das, was dir Spaß macht!“, sagen auch viele Eltern, die ihrem Kind nicht zumuten wollen, sich zu verbiegen. Meine Eltern hingegen haben mir geraten, ich solle arbeiten, was mir Spaß mache. Ein durchschnittliches Studium dauert drei bis fünf Jahre. Die Lebensarbeitszeit beträgt das Zehnfache.“ Schließt ein Studium, das Spaß macht etwa einen Beruf, der Spaß macht, aus? Ist es nicht meistens so, dass man etwas studiert, das einem Spaß macht im Hinblick darauf auch einen entsprechenden Beruf auszuüben, der einem Spaß macht?

Natürlich ist es in jedem Fall ratsam sich vor dem Studium gut über sein Wahlfach und die damit einher gehenden Berufschancen zu informieren. Wer sich allerdings nur nach ökonomischen Gesichtspunkten für ein Studium und damit für einen Beruf entscheidet, dem könnte auf dem Weg zur Rente mit 67 evt. die Puste ausgehen.

Davon ab zeigen immer mehr Studien und Umfragen, dass der Arbeitsmarkt für alle, insbesondere für die junge Generation, ein hartes Pflaster ist und zwar unabhängig dessen, welche Ausbildung man genossen oder welches Fach man studiert hat: „Dabei scheinen die Sorgen sich kaum nach Ausbildung, Beruf oder Branche zu unterscheiden. Wir haben gleichermaßen Zuschriften von Akademikern mit einem Abschluss in Mathe, Ingenieurswissenschaften, Naturwissenschaften oder Technik – den sogenannten viel gefragten MINT-Berufen – erhalten, als auch von Geisteswissenschaftlern und jungen Beschäftigten, die eine Berufsausbildung gemacht hatten, ein Handwerk erlernt oder nur eine Tätigkeit angelernt hatten.“ Die Zeit hat nachgefragt und ihre Leser haben geantwortet: „Stattdessen berichten sie von einer Arbeitswelt, die ihnen ein Maximum an Flexibilität abfordert, aber nicht einmal ein Minimum an Sicherheit bietet.“ 

Aber was genau soll man denn nun studieren, um einen Job zu finden? Vielleicht auch Wirtschaftswissenschaften, so wie Filipp Piatov? „Wirtschaftswissenschaftlerin Julia Seliger schildert, wie sie nach einer Ausbildung zur Bürokauffrau im öffentlichen Dienst nur befristete Verträge bekam. Also studierte sie BWL. Als Absolventin fand sie jedoch keinen Job: „Plötzlich hieß es: ohne Praktikum auch keine Einstellung.“ Also absolvierte sie Praktika gegen ein paar Hundert Euro Bezahlung und kaum besser bezahlte Volontariate, zog für diese Jobs sogar um. „Der Arbeitsalltag war sehr abwechslungsreich, die Büros sehr schick und das Gehalt musste angeblich so gering sein, ich hatte ja schließlich keine Berufserfahrung. Aber der Arbeitsalltag war gefüllt mit Projekten, die parallel koordiniert werden mussten. Täglich wurde bis 22 Uhr und am Wochenende aus dem Homeoffice  gearbeitet.“ Nach Vertragsende stand sie wieder auf der Straße. „Also folgte wieder Zeitarbeit, weil ich bei direkten Bewerbungen nur Absagen aufgrund von fehlender Erfahrung kassierte. Schon wieder zu wenig Erfahrung? Ich fand mich also in der gleichen Situation wieder wie fünf Jahre zuvor. Nur dass ich jetzt ein Studium absolviert hatte, wofür noch ein Studentenkredit und das Bafög zurückgezahlt werden wollten. Insgesamt habe ich bis heute 13 Arbeitsverträge gehabt. Inzwischen arbeite ich für einen Konzern in der Industrie als Einkäuferin, allerdings auch wieder nur ein befristetes Projekt. Und den Fahrweg von zwei Stunden nehme ich selbstverständlich in Kauf.“ Selbst Menschen, die sich offensichtlich nach den Bedürfnissen des Marktes gerichtet haben, fallen teilweise durch das Raster. Wer ist dann Schuld?

Es gibt höchstens noch einen Punkt, an dem ich Filipp Piatov zustimmen kann, nämlich der Erkenntis, dass das Engagement und die Mentalität eines Menschen viel häufiger darüber entscheiden ob man beruflich erfolgreich ist, als das Studienfach: „Mein Freundeskreis ist voller Politikwissenschaftler, die dank klug ausgewählter Praktika und geschicktem Networking auf dem Arbeitsmarkt gefragte Experten sind. Ob sie in Unternehmensberatungen arbeiten, in Thinktanks, Botschaften oder im Journalismus – nicht ihr Studiengang hat für ihren Erfolg gesorgt, sondern ihre Mentalität.“ Diese Erfahrung hat auch Mathias Geis von der Online-Jobplattform Campusjäger gemacht: „Letztendlich ist es sogar relativ egal, was man studiert. Unsere Erfahrung ist, dass es einfach wichtig ist, dass man für ein Thema brennt und sich dafür interessiert. Durch die Durchführung eigener Projekte oder praktische Erfahrungen in Unternehmen verlieren letztendlich auch die Noten an Bedeutung und es muss einfach auf der menschlichen Ebene passen.“

Ich glaube nach wie vor, dass man gut beraten ist, wenn man herausfindet, was die eigenen Neigungen, Interessen und Stärken sind und diese weiterentwickelt. Denn: Während feste Berufsbilder immer mehr zum Auslaufmodell werden, treten individuelle Kompetenzen zunehmend in den Vordergrund.

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There is one comment

  1. Ewald

    Ich habe mit großer Begeisterung Englisch und Geschichte studiert und einen Einser-Abschluss gemacht. Jetzt bin ich Produktionshelfer. Ein Bekannter ist Zerspanungsmechaniker und verdient das Doppelte von dem, was ich habe.

    Mit mittlerweile 36 werde ich wohl keine andere Stelle mehr bekommen. Hätte ich mein Studium nicht als Selbstverwirklichung begriffen, wäre ich jetzt in einer anderen Situation. Natürlich kenne ich auch Anglisten, die erfoglreiche Unternehmensberater geworden sind, aber das dürfte die Ausnahme sein. In der Zeitarbeitsfirma habe ich schon promovierte Politikwisssenschaftler getroffen, die jetzt bei Seidel am Band stehen und Grünkohl sortieren.

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