Interview mit dem Content Marketing Manager Dr. Andreas Franken

Andreas Franken geisteswirtschaft

Dr. Andreas Franken

Herr Dr. Franken, Sie haben Philosophie, Soziologie, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin studiert. Warum haben Sie sich gerade für diese Fächer entschieden?

Das klingt jetzt vielleicht etwas pathetisch: Es dürstete mich nach Erkenntnis. Ich suchte sowohl nach einer Welterklärung im Ganzen als auch nach Orientierung für das persönliche Leben, also nachdem, was gemeinhin als philosophische Lebenskunst bezeichnet wird. Deshalb stürzte ich mich regelrecht in das Studium der Philosophie, denn was ist Philosophieren, wenn nicht die Klärung der Frage nach dem guten und richtigen Leben?
Aber diese Beweggründe, Philosophie zu studieren, sind mir eigentlich erst während des Studiums vollends bewusst geworden. Indem ich mich mit bestimmten Philosophen, Weltanschauungen und Fragen beschäftigte, erkannte ich zunehmend, warum ich dies tat und inwiefern es dabei um mich ging.
Soziologie studierte ich, um das oft abstrakte, philosophische Denken mit gesellschaftsbezogenen Analysen zu befruchten, indem ich mir etwa Methoden der empirischen Sozialforschung aneignete. Allerdings habe ich mich dann auch in diesem Fach lange und intensiv mit hoher Theorie – wie etwa der Systemtheorie eines Niklas Luhmann – auseinandergesetzt. Man kann schon sagen, dass ich früher ein ziemlicher Theorie-Junkie war.
Für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft entschied ich mich nicht nur aufgrund der beruflichen Perspektiven, die dieses Studienfach bietet. Natürlich war ich daran interessiert, meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt – insbesondere was Stellenangebote in der Medienbranche anbelangt – mit einem Abschluss in diesem Fach zu erhöhen. Jedoch hatte ich auch ein grundlegendes Interesse für Mediengeschichte, Kommunikationstheorie sowie daran, Kompetenzen im journalistischen Schreiben durch entsprechende Praxiskurse zu erwerben.
Kurzum: Ich folgte bei der Wahl der Studienfächer besonders meinen Neigungen, versuchte aber auch mein Profil für den Arbeitsmarkt zu schärfen.

Ist Ihr Studium so verlaufen, wie Sie es sich anfangs vorgestellt haben? Gab es Enttäuschungen oder Überraschungen?

Der Studienalltag an einer Massenuniversität wie der Freien Universität Berlin war schon manchmal frustrierend. Denn überfüllte Hörsäle und eine nicht seltene Überlastung der Lehrenden sind für ein ergiebiges Studium hinderlich.
Zudem musste ich feststellen, dass wir zwar in einer Gesellschaft leben, die sich als liberal, aufgeklärt und demokratisch versteht. Jedoch kann dieses offiziell propagierte Selbstverständnis nicht über Verkrustungen im Bildungssystem – die der Dominanz einer bestimmten politischen Tendenz geschuldet sind – hinwegtäuschen. Von einem nennenswerten Pluralismus an verschiedenen Denkrichtungen – wie es ihn in Deutschland etwa zwischen 1920 und 1933 oder teilweise auch noch in den 1950er und 1960er Jahren gab – konnte nämlich in Bezug auf das Lehrangebot nicht die Rede sein.
Deshalb möchte ich jeden Studenten der Geisteswissenschaften ermutigen, eigene Forschungen zu betreiben und nicht zu glauben, dass einem heute während des Studiums die ganze Bandbreite der abendländischen Kultur- und Ideengeschichte präsentiert wird. Ich habe zumindest während meines Studiums gemerkt, dass mir spannende Autoren vorenthalten wurden.
Doch dabei ist auch Vorsicht geboten. Denn wer mit seinen Lektüreerfahrungen und Forschungsansätzen vom Mainstream abweicht, sollte bedenken, dass dies nicht unbedingt gerne gesehen wird, weshalb auch viele Karrieristen im universitären Betrieb Zeitgeistäffchen sind.

Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Ich habe während meines Studiums für eine gewisse Zeit BAföG bekommen. Zusätzlich war ich Kabelhilfe bei dem Fernsehsender Phoenix, habe in einem Call Center sowie lange Zeit im Deutschen Technik Museum gearbeitet und war als DJ tätig. Die Promotion habe ich teilweise auch durch ein Stipendium des Landes Berlin finanziert.

Haben Sie neben Ihrem Studium gearbeitet oder sich ehrenamtlich engagiert? Wenn ja, welche Erfahrungen konnten Sie dabei sammeln, von denen Sie persönlich, im Studium oder auch jetzt im Job profitiert haben?

Wie schon erwähnt, hatte ich verschiedene Jobs, die es mir generell ermöglichten, Lebens- bzw. Berufserfahrungen zu sammeln. Darüber hinaus war ich ein paar Jahre politisch in der SPD und der Gewerkschaft ver.di aktiv, wodurch ich auch einen aufschlussreichen Einblick in das politische System der BRD bekam. Insbesondere kann ich mich aufgrund der Erfahrungen, die ich in Jobs und im politischen Engagement während meines Studiums gemacht habe, heute als Marketer gut in verschiedene Bedarfs- und Zielgruppen einfühlen.

Hatten Sie schon im Studium eine Vorstellung davon, welchen Beruf Sie später einmal ergreifen möchten?

Ich konnte mir vorstellen, in den Medien zu arbeiten, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Politik oder Unidozent zu sein.

Wie viele Semester haben Sie studiert? Sind Sie damit zufrieden?

Ich habe das Magisterstudium in 12 Semestern absolviert. Die Regelstudienzeit für meine Studienfächer betrug damals 9 Semester. Insgesamt bin ich damit zufrieden.

Sind Sie der Meinung, dass man ein Studium möglichst schnell und diszipliniert abschließen sollte, um so früh wie möglich in den Arbeitsmarkt einzusteigen oder sollte man die Studienzeit nutzen, um sich selbst auszuprobieren und auch einmal über den Tellerrand zu schauen?

Ich bin gewissermaßen ein Anhänger des humboldtschen Bildungsideals. Demnach ist Bildung etwas, das Menschen mit sich und für sich machen. Jedoch ist es heute wesentlich schwieriger geworden, dieses Bildungsideal zu praktizieren. Denn vor allem nach dem Bologna-Prozess und der Einführung sogenannter Bachelor-Studiengänge gehorcht die universitäre Lehre stark wirtschaftlichen Interessen. Ich habe noch im Rahmen einer Magisterstudienordnung studiert. Wir hatten sicherlich mehr Freiheiten und konnten das Studium individueller gestalten als dies jetzt der Fall ist. Und ich bin ziemlich skeptisch, dass an einer Bologna-Universität unabhängige und freie Geister entstehen.
Zudem ist der Wehr- und Zivildienst abgeschafft worden und man kann nun das Abitur nach 12 Schuljahren erlangen. Selbstverständlich gibt es dafür Pros und Contras. Aber was bedeuten diese Veränderungen letztlich für die Persönlichkeitsentwicklung und das Bildungsniveau junger Menschen? Diesbezüglich muss ich leider beobachten, wie Bachelor-Absolventen bereits mit Anfang 20 gänzlich in die Erwerbsarbeit einsteigen sollen. Ich habe den Eindruck, dass die Universitäten gegenwärtig quasi den Auftrag haben, willfährige Arbeitsnomaden und Steueresel hervorzubringen, die nicht mehr sind als Hackfleisch für den Markt und Geldlieferanten für eine oftmals verfehlte Politik. Bildung wird also nicht mehr als ein geistiger Prozess verstanden, sondern der Begriff dient im öffentlichen Diskurs als eine Floskel zur Umsetzung von ökonomischen, politischen und verwaltungstechnischen Zielen.
Deshalb hat auch ein langes Studium heute den Stellenwert eines unzeitgemäßen, nonkonformistischen Akts, da der Einstieg in den Arbeitsmarkt mit fortgeschrittenem Alter wesentlich schwieriger geworden ist. Für die 68er, also den grauen Eminenzen unserer Tage, war es noch relativ leicht, sogar nach einer beträchtlichen Anzahl von Semestern in einem geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studium, eine Arbeitsstelle vor allem in öffentlichen Institutionen und dem Mediengeschäft zu bekommen.
In den 1980er Jahren vollzog sich dann aber bereits eine paradoxe Ent- und Aufwertung von Hochschulabschlüssen. Denn einerseits gab es nun mehr Menschen mit Universitätsabschlüssen, was die Entwertung einer Qualifikation darstellt, deren Erlangung vormals nur wenigen vorbehalten war. Anderseits ging diese Vermassung auch mit einer Aufwertung von Hochschulabschlüssen einher, da der Besitz eines Hochschulzertifikats in vielen Branchen immer stärker gefordert wurde.
Und machen wir uns nichts vor: Wer sich derzeit für ein ausgedehntes Studium entschließt, braucht wohl vor allem Mut, weil sich der Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren noch weiter verschärft hat und ein Hochschulabschluss mittlerweile definitiv kein Garant mehr für einen existenzsichernden Arbeitsplatz ist.

Nach dem Studium haben Sie sich für eine Promotion im Fach Philosophie entschieden. Wie kam es dazu? Was waren Ihre Beweggründe?

Das ist nicht ganz richtig. Schon als ich an meiner Magisterarbeit schrieb, bekam ich Lust, zu promovieren. Ich wollte weiter forschen, mich noch intensiver in ein Thema vertiefen und mir mit der Promotion eine berufliche Identität als Geisteswissenschaftler schaffen. Denn man kann durch die Promotion eine Expertise im analytischen und außergewöhnlichen Denken, der Erläuterung komplexer Sachverhalte sowie im argumentierenden Schreiben erlangen. Diese erweiterten Kompetenzen können dann für Textproduktion, Dozententätigkeiten und Vorträge eingesetzt werden. Also in Bereichen, in denen promovierte Geisteswissenschaftler traditionell zu finden sind.

Wie sah Ihr Berufseinstieg unmittelbar nach der Promotion aus? Gab es Schwierigkeiten oder besondere Erlebnisse?

Da die Chancen, eine Anstellung an einer Universität zu erlangen, relativ gering waren, habe ich mich nach der Promotion gänzlich darauf konzentriert, in die PR- und Medienbranche einzusteigen. Aber obwohl ich schon lange online-affin war, erkannte ich erst zu diesem Zeitpunkt, dass die Grenzen zwischen klassischer PR-Arbeit, Werbung und Online-Marketing zunehmend verschwimmen. Deshalb absolvierte ich nach der Promotion noch eine zertifizierte Weiterbildung zum Online-Marketing-Manager, um den Herausforderungen der digitalen Transformation in diesem Berufsfeld gewachsen zu sein.

Aktuell arbeiten Sie als Content Marketing Manager. Was genau sind Ihre Aufgaben und welche Kenntnisse und Fähigkeiten, die Sie im Studium oder während der Promotion gelernt haben, helfen Ihnen jetzt ganz konkret im Tagesgeschäft?

Für Kunden aus dem Profit- und Nonprofit-Bereich konzipiere ich Content-Marketing-Strategien, betreue redaktionell Webseiten sowie Social-Media-Profile und führe SEO-Projekte durch. Außerdem war ich als Dozent in einem Projekt der Universität der Künste Berlin tätig, das Darstellenden Künstlern Kompetenzen in der Online-Vermarktung vermittelt.
Allgemein hilft mir in meiner täglichen Arbeit natürlich der professionelle Umgang mit Sprache und Text, den ich im Studium und während der Promotion erlernt habe. Zudem haben Geisteswissenschaftler die Fähigkeit, die Semantiken und Mentalitäten einer Kultur zu erfassen. Denn wer ein geisteswissenschaftliches Studium gründlich betreibt, ist danach durchaus in der Lage, die Gegenwart zu diagnostizieren. Somit kann er auch die sozialen, psychischen und ideologischen Verhältnisse interpretieren, in die Konsumgüter und Dienstleistungen eingebunden sind. Dies ist eine grundlegende Qualifikation, die für mich in meiner redaktionellen und konzeptionellen Arbeit im Marketing enorm nützlich ist.

Was würden Sie Studenten / Absolventen raten, die einmal in Ihrem Beruf / Ihrer Branche tätig werden wollen? Was sollen sie beachten?

Sie sollten sich möglichst früh mit Content-Management-Systemen, Google Analytics, Adobe-Photoshop und SEO-Tools vertraut machen. Außerdem ist ein grundlegendes Verständnis für HTML und CSS angebracht. Eigentlich kann man im Online-Marketing nie auslernen, denn die Web-Technologien verändern sich ständig.

Würden Sie aus heutiger Sicht gesehen noch einmal Ihre Fächerkombination studieren und auch promovieren? Oder würden Sie sich dieses Mal für einen anderen Weg entscheiden?

Auf jeden Fall. Ich begreife mein Studium und die Promotion als Privileg und Luxus. Mein Horizont wurde immens erweitert und die Lektüre einiger Bücher war vergleichbar mit der Einnahme bewusstseinserweiternder Drogen. Vor allem von einem Studium der Philosophie zehrt man sein ganzes Leben.


 

Die Webseite von Dr. Andreas Franken: http://andreasfranken.com/

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