Bestandsaufnahme Kopfarbeit

Bestandsaufnahme Kopfarbeit GeisteswirtschaftAls ich mit dem Blog Geisteswirtschaft begann war einer der Kernbestandteile die Interviews, die ich mit GeisteswissenschaftlerInnen geführt habe, die den Berufseinstieg bereits erfolgreich hinter sich gebracht haben. Denn rückblickend lässt sich vieles besser deuten. Warum was wie passiert ist und ob sich ein roter Faden erkennen lässt. Oder war doch alles nur Zufall?

Diesen Rückblick auf die eigene (Erwerbs-)Biografie schätzen wohl auch Sandra Lehmann und Andrea Roedig. In ihrem Buch Bestandsaufnahme Kopfarbeit – Interviews mit Geisteswissenschaftler/innen der mittleren Generation haben sie eine Reihe von biografischen Interviews mit promovierten Geisteswissenschaftlern aus Österreich, Deutschland und der Schweiz im Alter zwischen 30 und 45 Jahren geführt, um herauszufinden, wie die Akademiker der „mittleren Generation“ ihren Werdegang in Studium und Beruf erleben und was sie mit ihrem erworbenen Wissen anfangen. Vor allem wollten sie dokumentieren, wie sich Lebensläufe im gegenwärtigen, universitären System und in der Spannung zwischen Wissenschaft und außeruniversitärem Arbeitsleben gestalten.

Die Interviews lesen sich überraschend gut und flüssig. Natürlich wiederholen sich Fragen oder Inhalte, aber als Leser hat man eher das Gefühl lockeren Gesprächen zu lauschen, bei denen sehr individuell auf jeden Gesprächspartner eingegangen wird. Inhaltlich kristallisiert sich schnell eine Gemeinsamkeit aller Interviewpartner heraus, nämlich die, dass die Studienfächer stets aus persönlicher Neigung und aus Interesse gewählt wurden. Fragen der Zukunft, darunter die der späteren Berufstätigkeit, werden aufgeschoben und stellen sich den Interviewten erst spät, nämlich gegen Ende des Studiums. Aus den sich daraus ergebenden Schwierigkeiten wird kein Geheimnis gemacht: Viele Gesprächspartner hatten außer der Promotion keine konkreten Berufsvorstellung und hangeln sich nicht selten von Projekt zu Projekt, immer mit der Ungewissheit wie lange das gut geht.

Obwohl sich alle Interviewten mit ihrer Promotion oder Habilitation sicherlich zu den Eliten ihres Landes zählen können, sind die tatsächlichen Arbeitsbedingungen oftmals prekär. Trotzdem scheint die Liebe zum Fach und die Lust an der Forschung vieles wieder aufzuwiegen.

Insgesamt finde ich das Buch sehr gelungen. Es gibt einen ehrlichen und schonungslosen Einblick in die Motivation, Höhen und Tiefen einer wissenschaftlichen Karriere und zeigt, dass nicht nur die Wirtschaft sondern auch die Universität ein hartes Pflaster ist. Ich würde das Buch allen empfehlen, die selbst vor haben zu promovieren oder schon dabei sind. Denn aus Fehler (anderer) lässt sich ja bekanntlich lernen.

Bestandsaufnahme Kopfarbeit: Interviews mit Geisteswissenschaftler/ innen der mittleren Generation
von Sandra Lehmann und Andrea Roedig
184 Seiten // 15,90 € // ISBN: 978-3902665904

There are 2 comments

  1. Claudia

    Klingt sehr interessant das Buch. Ich denke, das muss ich mir auch noch besorgen. Ich stecke zurzeit auch mitten drin in den universitären System. Meine Vorstellungen vor Beginn des Studiums decken sich ganz eindeutig nicht mit der Realität. Ich finde es interessant, welche Unterschiede aber auch parallel zu früher existieren. Es ist auch spannend zu lesen, wie es anderen – mittlerweile bedeutenden Persönlichkeiten – in ihre Unizeiten ergangen ist!

    1. Gianna Reich

      Hallo Claudia,

      das Buch bzw. die Geschichten darin sind tatsächlich etwas ernüchternd, aber je früher man seine Scheuklappen verliert, um so besser ist das für die eigene Lebens- und Berufsplanung.

      Viele Grüße
      Gianna

Post Your Thoughts