Interview mit Andreas Pallenberg vom Wissenschaftsladen Bonn

Herr Pallenberg, Sie sind Redaktionsleiter der Publikation arbeitsmarkt Bildung, Kultur, Sozialwesen des Wissenschaftsladen Bonn, die wöchentlich erscheint und rund 500 bis 600 aktuell ausgeschriebene Stellen für Geistes- und Sozialwissenschaftler beinhaltet. In welchen Branchen und Berufen wollen Ihrer Einschätzung nach die meisten Geisteswissenschaftler arbeiten?

Für viele ist ein Job in Wissenschaft und Forschung immer noch erste Wahl. Die meisten wissen aber inzwischen, dass sie sich bei den geringen Aufnahmekapazitäten der Universitäten und wegen der schlechten Arbeitsbedingungen beim Einstieg auch um andere Bereiche kümmern müssen. Da wird dann als Berufswunsch „Irgendwas“ mit Medien, mit Menschen oder mit Kultur genannt. Das bleibt bei vielen Studierenden leider sehr lange so unkonkret wie das auch klingt.

Gibt es Branchen oder Berufe, die Geisteswissenschaftler vielleicht noch nicht auf dem Schirm haben, die aber durchaus für Absolventen dieses Fachbereichs in Frage kommen? Gibt es da neue Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt?

Da liefern wir ja jede Woche mit unserer Stellenauswertung ein aktuelles Angebot. Im Grunde sind alle Tätigkeiten für Geisteswissenschaftler/innen relevant, bei denen es um ihre Kommunikationsstärke, ihr breit gefächertes Allgemeinwissen und ihre sozialen Kompetenzen geht. Seit Jahren gibt es Trends, in Arbeitsteams auch Geisteswissenschaftler zu integrieren, weil sie den Blick fürs Ganze haben, integrieren und motivieren können. Relativ junge Arbeitsfelder ergeben sich im Zuge der Globalisierung und der internationalen Zusammenarbeit, im Bereich der Unternehmenskommunikation und im Online-Bereich. Da ist natürlich vieles in Bewegung. Was viele Geisteswissenschaftler noch nicht „auf dem Schirm“ haben sind Stellen in der Wirtschaft, speziell im Einzelhandel, in der Beratung und im Vertrieb. Da fehlt vielen der Bezug zum Studium. Entsprechende Jobs werden oft als Zumutung betrachtet. Da muss jeder selbst entscheiden: Über den Schatten springen oder Unsicherheiten ggfs. länger aushalten.

Für wie relevant halten Sie Studienabschlüsse bzw. Studienfächer in Bezug auf die Jobsuche? Es gibt Thesen, wonach feste Berufsbilder zunehmend ein Auslaufmodell sind und stattdessen individuelle Kompetenzen für Arbeitgeber in den Vordergrund rücken. Können Sie diese Entwicklung bestätigen?

Feste Berufsbilder gibt es natürlich immer noch, ein Medizinstudent wird Arzt, auch ein Ingenieur studiert seinen Beruf. Aber bei den Geisteswissenschaftlern war da ja schon immer anders. Da studiert man eine Wissenschaft und keinen Beruf. Trotzdem gibt es ja Stellen für Kunsthistoriker und Anglistinnen, in denen sie genau ihre erworbene Kompetenz einsetzen können. Aber es gibt viel zu wenig davon. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute lautet: Geisteswissenschaftler können viel mehr als ihre Fachexpertise vermuten lässt und deshalb kann man sie fast überall einsetzen. Und das schätzen die Arbeitgeber zunehmend.

Wir beobachten seit Jahren, dass bei vielen Ausschreibungen in den Qualifikationsanforderungen die Studienfächer immer stärker in den Hintergrund rücken. Das sind dann Stellen für Generalisten und Quereinsteiger im Management in der Wirtschaft, in Verbänden, bei Stiftungen oder ähnlichen Einrichtungen. Entscheidend ist dort nicht, was man studiert hat, sondern dass (!) man studiert hat. Das drückt sich aus in Sätzen wie: „Sie sind Akademiker/in und suchen den Berufseinstieg in der Finanzwirtschaft o.Ä.“ Kein Wort also zu irgendwelchen Studienfächern. Immer häufiger liest man auch weiche Formulierungen wie: Sie haben xyz studiert oder eine vergleichbare Qualifikation. Den Arbeitgebern geht es dann vorrangig um die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten und nicht zuletzt um die Persönlichkeit der Bewerber. Nach dem Motto: Spezialwissen lässt sich aufsatteln, der Umgang mit Geschäftspartnern, Klienten oder Kunden aber nur bedingt.

Bei den Abschlüssen ist die Sache uneinheitlich. Früher waren den Arbeitgebern die deutschen Jungakademiker zu alt, heute sind sie ihnen nach einem Bachelor-Abschluss teilweise noch zu jung und unerfahren. Dennoch ist dies kein Grund unbedingt zum Master oder gar zur Promotion zu raten. Das muss immer im Einzelfall entschieden werden. Nur eins gilt immer: Wer nicht weiß, wo es beruflich weitergeht, sollte die Frage nicht aufschieben und nicht deshalb noch einen weiteren Abschluss machen. Ebenfalls gilt: Besonders bei Stellen in der Wirtschaft zählt jede konkrete Berufserfahrung und das persönliche Auftreten mehr als die Art des Abschlusses oder die dabei erzielte Note.

Andere Thesen besagen, dass der Demografische Wandel und der damit einhergehende Fachkräftemangel dazu führen, dass Geisteswissenschaftler zunehmend in das Blickfeld von Arbeitgebern treten. Das heißt Geisteswissenschaftler profitieren vom „Krieg um Talente“ und werden als bislang unterschätze Arbeitskraft wiederentdeckt. Können Sie solche Entwicklungen im Rahmen Ihrer Arbeit auch beobachten?

Sicher haben Geisteswissenschaftler in Boomzeiten bessere Chancen als in wirtschaftlichen Krisen. Da werden sie als lernfähige Allrounder eingesetzt, und zwar keineswegs nur als Lückenbüßer. Aber nicht jede händeringend gesuchte Fachkraft kann durch einen Geisteswissenschaftler ersetzt werden. Dennoch: Beide Seiten, die Arbeitgeber und die Arbeitsuchenden, sind inzwischen offener, flexibler und kreativer im Umgang miteinander. Um im „Krieg um Talente“ mitmischen zu können, müssen sich die Kandidaten aber aktiv mit ihren Fähigkeiten zu erkennen geben und Marketing in eigener Sache machen. Wer da auf den Headhunter wartet, der kann lange warten.

Die Wirtschaft klagt, dass Absolventen, insbesondere der Geisteswissenschaften, zu unerfahren in der beruflichen Praxis seien. Die Fakultäten wiederum klagen über die Ökonomisierung ihrer Studiengänge und dass Sinn und Zweck eines Studiums nicht der ist, einen fertigen Arbeiter auszubilden. Wie schätzen Sie diese Diskrepanz ein?

Alle klagen und alle haben irgendwie recht. Aber die Universitäten haben seit dem Bologna-Prozess den dezidierten Auftrag, die Employability ihrer Studierenden aktiv zu fördern. Wenn sie das ernst nähmen, wäre schon viel gewonnen. Immerhin gibt es viele sehr engagierte Career-Service-Einrichtungen an den Unis, die diese Aufgabe übernommen haben und Hervorragendes leisten. Eine echte Integration der Praxisinhalte in die Curricula lässt aber immer noch zu wünschen übrig. Die vorgesehenen Pflichtpraktika sind oft Schnupperpraktika ohne Einbindung in eine Berufseinstiegsstrategie. Was fehlt, ist eine fest installierte frühzeitige Orientierung über die tatsächlichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt mit allen damit verbundenen nüchternen Erkenntnissen. Wer früh weiß, was geht und was nicht geht, kann während des Studiums noch viele Weichen stellen. Da aber die Pflichtleistungen der eng getakteten Bachelor- und Master- Studiengänge kaum noch Platz lassen für solche Recherchen, werden die Entscheidungen für den Berufsweg vertagt und weggelächelt. Kein Wunder: Die Studierenden haben Termine, Dead-Lines und immer eine Prüfung vor sich.

Dass Arbeitgeber klagen, gehört fast schon zum guten Ton. Woher aber bitteschön sollen denn die Absolventen ihre Praxiserfahrung nehmen, wenn Sie dazu keine Gelegenheit bekommen. Viele Arbeitgeber sind nicht bereit, Praktikanten oder Volontäre zum Mindestlohn von 8,50 € einzustellen. Das ist dann zu teuer. Dann lassen sie es lieber und klagen ….

Sie halten regelmäßig Vorträge in Hochschulen und auf Jobmessen und bemängeln, dass Geisteswissenschaftler sich meist viel zu spät mit dem Arbeitsmarkt auseinandersetzen. In den ersten Semestern sind wiederrum viele Studierende erst einmal mit den Anforderungen ihres Studiums ausgelastet. Wann wäre Ihrer Meinung nach der optimale Zeitpunkt sich mit der beruflichen Zukunft auseinanderzusetzen?

Spätestens zur Halbzeit des Studiums sollte man einen Plan haben, wohin die berufliche Reise geht. Dabei ist es gar nicht tragisch, wenn man auch mehrfach den Weg korrigiert oder komplett neu anlegt. Hauptsache man entscheidet sich für eine konkrete Richtung und arbeitet sich daran ab. Welche Jobs gibt es da und wo gibt es die? Was brauche ich dafür, was biete ich dafür? Was muss ich mir aneignen? Wenn ich mich mit solchen Fragen frühzeitig auseinandersetze, kann ich auch Pflichtpraktika schon passender auswählen, sinnvolle Jobs annehmen und ggfs. freiberuflich in diesem Feld schon arbeiten. Ich kann weiterhin meine Schwerpunkte im Studium setzen und kann meine Abschlussarbeiten auf bestimmte Branchen und Arbeitgeber beziehen. Tragisch ist dagegen eine oft festzustellende Zauderlichkeit, weil man es immer noch nicht ganz genau weiß, was man beruflich will, und vielleicht nur weiß, was man nicht will. Ganz klare Empfehlung: Nach der Halbzeit wird ein Plan verfolgt, jede Entscheidung für einen Weg ist besser als die Entscheidung aufzuschieben. Dadurch wird man einfach konkreter und verbindlicher. Verändern lässt sich der Plan immer noch. Am besten macht man das mit anderen zusammen, trifft sich regelmäßig und nennt das Ganze vielleicht „Erfolgsteam“.

Würden Sie sagen, dass Geisteswissenschaftler sich schon immer schwer damit getan haben, sich mit dem Arbeitsmarkt und dem persönlichen Berufseinstieg auseinanderzusetzen oder ist die Hürde größer geworden mit den wachsenden Möglichkeiten der Generation Y und dem steigenden, gesellschaftlichen Leistungsdruck?

Das erlebe ich sehr unterschiedlich. Tatsächlich ist der Berufseinstieg für Geisteswissenschaftler immer schon ein komplexes und anspruchsvolles Projekt gewesen. Die neuen Möglichkeiten, zum Beispiel jederzeit und überall arbeiten zu können, haben daran nichts geändert. Aber bei vielen jungen Akademikern setzt doch ein Bewusstseinswandel ein. So lassen sich längst nicht mehr alle von der Arbeit gefangen nehmen und unterwerfen sich nicht mehr jeder neuen Spirale des Leistungsdrucks. Ein gutes Leben bei solidem Einkommen ist für immer mehr junge Leute zum Ziel geworden. Sie sind absolut leistungsbereit, aber nicht um jeden Preis.

Erst einmal zu promovieren ist auch eine beliebte Option nach dem Studium. Wann halten Sie eine Promotion für sinnvoll und wie schätzen Sie die Berufschancen von promovierten Geisteswissenschaftlern in der Wirtschaft ein?

Wer gute Gründe für eine Promotion hat, sollte dies tun. In bestimmten Berufen ist es für die Karriere unumgänglich, wie etwa bei Chemikern oder Physikern. Auch manchen Geisteswissenschaftlern, zum Beispiel Kunstwissenschaftler/innen, wird die Promotion empfohlen, obwohl wir zahlreiche Hinweise dafür bekommen haben, dass dies keineswegs zwingend ist für den Berufseinstieg. Wer glaubt, über eine Promotion seine beruflichen Chancen zu erhöhen, muss sehr kritisch an die Sache herangehen und sich nichts schöndenken. Ohne Konzept und ohne Strategie für den beruflichen Einstieg bringt die Promotion nicht unbedingt weiter. Ganz im Gegenteil: Wer ohne Promotion nicht weiß, wo es beruflich hingeht, wird es über die Promotion auch nicht herausfinden. Eins ist sicher: Über die Promotion wird man im Durchschnitt fünf Jahre älter, ohne darüber konkrete Berufserfahrung gesammelt zu haben. Und es kann sogar sein, dass mit Promotion die Einstiegschancen sinken, weil Arbeitgeber eine Überqualifikation befürchten und einen baldigen Absprung auf eine bessere Stelle annehmen können.

In der Wirtschaft kommt es auf die Größe der Unternehmen an. Kleine bis mittlere Betriebe tun sich mit promovierten Akademikern schon mal schwer. Sie haben selbst wenig Akademiker im Management und unterhalten auch seltener Stabsstellen oder Abteilungen, die der Geschäftsführung mit Expertise zuarbeiten. In großen Betrieben gibt es da selten Probleme. Promovierte Mitarbeiter sind auf verschiedenen Hierarchieebenen anzutreffen und nichts Ungewöhnliches.

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