Interview mit der Research Consultant Julia Rüll

Geisteswissenschaftlerin Julia Rüll im Interview über ihren Berufseinstieg

Julia Rüll

Frau Rüll, Sie haben Amerikanistik, Historische Ethnologie und Psychologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt studiert. Warum haben Sie sich gerade für diese Fächer entschieden?

Aus persönlicher Neigung. Ich hatte während meiner Schulzeit einen Schüleraustausch mit den USA erlebt, der mich sehr geprägt hat. Dieser Austausch hat Begeisterung für die USA geweckt und ich habe dieses Interesse später mit dem Hauptfach Amerikanistik vertieft. Für Psychologie hatte ich ebenfalls schon immer ein Faible; und die Historische Ethnologie begeistert mich – noch immer – deshalb, weil ich neugierig auf andere Länder und Kontinente, Menschen und ihre Kulturen sowie ihre Kulturleistungen bin. Ich hatte mich außerdem vor dem Studium schon für einen Werdegang im Bereich Personalberatung entschieden und wusste, dass dort Absolventen vieler unterschiedlicher Studiengänge aktiv sind. Man trifft zwar sicher überdurchschnittlich viele Psychologen, Soziologen und BWLer, aber durchaus auch Geographen, Germanisten oder Amerikanisten wie mich.

Ist Ihr Studium so verlaufen, wie Sie es sich anfangs vorgestellt haben? Gab es Enttäuschungen oder Überraschungen?

Im Großen und Ganzen ist mein Studium in etwa nach meinen Vorstellungen verlaufen. Von der Psychologie war ich ein wenig enttäuscht, sie hat mir viele Fragen unbeantwortet gelassen. Möglicherweise hatte ich aber auch ein etwas falsches Bild von dem Studienfach. Es war sicher interessant, Psychologie im Nebenfach zu studieren, aber persönlich weiter gebracht hat es mich nicht so sehr wie die Ethnologie.

Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Zum Einen habe ich durchgängig nebenbei gearbeitet – teilweise auch schon als Werksstudentin im Research einer Personalberatung. Zum anderen Teil in der Anwaltskanzlei meines Vaters; zunächst auf Aushilfsbasis und später in Teilzeit. Auch meine Eltern und meine Oma haben durch „Sponsoring“ zum Gelingen meines Studiums beigetragen.

Haben Sie sich neben Ihrem Studium ehrenamtlich engagiert? Wenn ja, welche Erfahrungen konnten Sie dabei sammeln, von denen Sie persönlich, im Studium oder auch jetzt im Job profitiert haben?

Da ich mit meinem Studium und dem Arbeiten nebenbei schon ziemlich ausgelastet war, ist für ehrenamtliches Engagement leider keine Zeit geblieben. Außerdem war ich zu der Zeit meines Studiums schon in erster Ehe verheiratet und habe mit meinem damaligen Mann ein Haus gebaut. Auch das ist eine Erfahrung für´s Leben.

Hatten Sie schon im Studium eine Vorstellung davon, welchen Beruf Sie später einmal ergreifen möchten?

Ja, schon vorher. Ich hatte nach dem Abitur bereits eine Fremdsprachenausbildung absolviert und mich etwa zwei Jahre lang als Assistentin in der Frankfurter Bankenszene betätigt. Dabei habe ich schnell gemerkt, dass die Bankenbranche nicht mein Ding ist. Dort waren meine beruflichen Mitstreiter sehr hierarchisch in ihrer Denkweise, sehr monetär orientiert und in ihrem Verhalten oftmals unangemessen arrogant. Außerdem hat mir diese „Monokultur“ aus Bankern nicht sonderlich zugesagt. Eine vielseitige Mischung von Charakteren, Studienabschlüssen und Arbeitsweisen ist eher etwas, was mich anspricht.

Wie viele Semester haben Sie studiert? Sind Sie damit zufrieden?

Bis ich scheinfrei war, habe ich 9 Semester gebraucht, das war nur ein Semester mehr als die Regelstudienzeit. Damit war ich eigentlich recht zufrieden. Daran angeschlossen hat sich meine Prüfungsphase, die ich allerdings für längere Zeit unterbrechen musste, da ich mich in der Zeit von meinem Mann getrennt habe, der keine Mühen gescheut hat, mir das Leben beträchtlich schwer zu machen. Ich war über ein Jahr beurlaubt und mit meiner Scheidung und ihren Folgen beschäftigt. Später habe ich einen zweiten Anlauf genommen und den Abschluß gemacht. Aber die Zeit, die ich dafür benötigt habe, ist sicher nicht repräsentativ. Das habe ich im absoluten „Ausnahmezustand“ bewältigt.

Sind Sie der Meinung, dass man ein Studium möglichst schnell und diszipliniert abschließen sollte um so früh wie möglich in den Arbeitsmarkt einzusteigen oder sollte man die Unizeit nutzen, um sich selbst auszuprobieren und auch einmal über den Tellerrand zu schauen?

Ich denke, das ist letztlich Typsache. Ein wenig links und rechts des Weges schauen sollte man schon, ohne sich jedoch völlig zu vertrödeln. Man sollte sicher auch nicht vor einem Studienfachwechsel zurück schrecken, wenn man merkt, dass man das absolut falsche Pferd reitet. Das kostet am Ende sicher weniger Zeit, als sich auf den falschen Beruf vorzubereiten und dies dann später im Berufsleben noch korrigieren zu wollen.

Aktuell sind Sie als Research Consultant bei der Mercuri Urval GmbH tätig. Wie kam es dazu und was genau sind Ihre Aufgaben im Unternehmen?

Genau wie ich es vorhatte, bin ich nach dem Studium zunächst bei einer kleineren Personalberatung als Researcher eingestiegen, wo ich mein „Handwerk“ gründlich gelernt habe. Später bin ich dann aus privatem Grund umgezogen und im selben Zuge zu Mercuri Urval gewechselt. Das hat einfach alles gut gepasst: Ein größeres Unternehmen bot mir mehr Entwicklungsmöglichkeiten; die Internationalität hat mir gut gefallen und die größere Vielseitigkeit der Aufgaben. Auch die passende „Chemie“ bei den Gesprächen war ein ausschlaggebender Faktor – und wie immer im Leben, spielt natürlich auch das entscheidende Quäntchen Glück eine Rolle…

Was würden Sie Studenten / Absolventen raten, die einmal in Ihrem Beruf / Ihrer Branche tätig werden wollen? Was sollen sie beachten? Und wie schätzen Sie die Chancen für Geisteswissenschaftler in Ihrem Beruf ein?

Die Chancen für Geisteswissenschaftler sind in meiner Branche sicher genauso oder zumindest annähernd genau so gut wie für Absolventen anderer Studiengänge. Researcher (aber auch Personalberater) kann man auch gar nicht wie einen Ausbildungsberuf lernen; da ist man ohnehin immer ein Quereinsteiger, völlig egal, aus welcher beruflichen Richtung man kommt. Entscheidender sind wohl die persönlichen Qualifikationen, die man mitbringen sollte: Aufgeschlossenheit, Neugierde, ein gewisses Fingerspitzengefühl für den Umgang mit Menschen und, ganz wichtig: Resilienz. Also die Fähigkeit, auch nach Tiefschlägen und Misserfolgen immer wieder morgens aufzustehen und sich selbst zu sagen: „Aber heute ist ein neuer Tag und der bringt mir eine neue Chance, den richtigen Kandidaten für ein bestimmtes Projekt zu finden.“

Würden Sie aus heutiger Sicht gesehen noch einmal Ihre Fächerkombination studieren? Oder würden Sie sich dieses Mal für etwas anderes entscheiden? 

Vermutlich würde ich wieder dieselbe Fächerkombination wählen, jedoch mit der Historischen Ethnologie als Hauptfach. Wenn einen die Ethnologie einmal gepackt hat, lässt sie einen nicht mehr los!


Julia Rüll auf XING: www.xing.com/profile/Julia_Ruell2
Webseite der Mercuri Urval GmbH: www.mercuriurval.de

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