Interview mit Dr. Kerstin Hoffmann, Speakerin, Bloggerin & Beraterin im Bereich PR und Social Media

Dr. Kerstin Hoffmann (Foto: Susanne Fern)

Dr. Kerstin Hoffmann (Foto: Susanne Fern)

Frau Hoffmann, auf Ihrer Webseite www.kerstin-hoffmann.de ist zu lesen, dass Sie Geisteswissenschaften studiert und in Germanistik promoviert haben. Für welche Fächer haben Sie sich im Studium konkret entschieden und warum?

Ich fand es sehr, sehr schwierig, unter den vielen Möglichkeiten, die mir nach dem Abitur offenstanden, eine auszuwählen. Auch hatte ich wohl ein bisschen Angst, nach den vielen behüteten Schuljahren in die Welt hinauszugehen. Da schien es mir am sichersten, in meinem vertrauten Umfeld zu bleiben. Ich gab bereits seit Jahren Nachhilfe. Ich engagierte mich ehrenamtlich in einem Projekt zur Förderung ausländischer Schüler. Sprachen liegen mir. Ich unterrichtete schon immer gern. Also entschied ich mich für ein Lehramtsstudium Deutsch und Englisch, Begleitfach Erziehungswissenschaften. Biologie – das war in der Oberstufe mein zweiter Leistungskurs – hätte ich auch gerne gemacht, aber ganz ehrlich, das habe ich nur deswegen nicht belegt, weil ich Angst davor hatte, Kleintiere zu sezieren. ;) Im Nachhinein denke ich, das war ganz gut so. Meine Begabungen liegen einfach woanders.

Ist Ihr Studium so verlaufen, wie Sie es sich anfangs vorgestellt haben? Gab es Enttäuschungen oder Überraschungen?

Ich habe mir das Studium vorher überhaupt nicht vorstellen können. Ich hatte wohl irgendwie gehofft, dass es immer so weitergeht wie in der Schule. Ein Glück, dass das nicht so war. Aber ich erinnere mich, dass ich es am Anfang ganz schön schwierig fand, mich in dieser fremden Umgebung und in diesem riesigen Apparat einzugewöhnen. Die ersten Wochen habe ich als sehr schwer und richtiggehend schmerzlich empfunden, und ich musste mich wirklich zusammenreißen, um nicht gleich wieder das Handtuch zu werfen. Aber was wäre andererseits die Alternative gewesen? Als die Anfangszeit überstanden war, habe ich mich an meiner Uni sehr wohl gefühlt.

Ziemlich zu Beginn des Studiums habe ich dann begonnen, an meinem Wohnort in einer Redaktion als freie Mitarbeiterin zu arbeiten. Das hat einen Großteil meiner Freizeit in Anspruch genommen und natürlich dazu geführt, dass sich die Aufmerksamkeit teilte. Der Nachteil ist rückblickend, dass ich ziemlich zielstrebig und effizient studiert habe und mir wenig Zeit genommen habe, das Studium zu genießen und meine Fächer in der Breite auszuloten. Der Vorteil: Am Ende meines Studiums hatte ich eine fast eben so lange Berufserfahrung und schon wirklich gute Kontakte, die mich danach ins eigentliche Berufsleben begleitet haben.

Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Meine Eltern haben mich sehr großzügig unterstützt, und ich habe während der meisten Zeit noch einmal etwa das Gleiche hinzuverdient.

Hatten Sie schon im Studium eine Vorstellung davon, welchen Beruf Sie später einmal ergreifen möchten?

Zu Beginn war ich mir sicher, dass ich Lehrerin werden wollte. Ab meinem ersten Arbeitstag bei der Zeitung war klar: Ich werde Journalistin. Das bin ich ja dann auch nach dem 1. Staatsexamen etliche Jahre geblieben. Wie ich zur PR kam, ist wieder eine eigene Geschichte. In irgendeiner Weise habe ich aber bis heute zugleich immer unterrichtet. Zwischendurch, mit Ende 20, habe ich sogar mal Volkshochschulkurse gegeben.

Worüber ich mir wirklich weder bei der Studienauswahl noch während der ganzen Studienjahre Gedanken gemacht habe, war die Frage, wieviel Geld ich nachher damit verdienen würde. Das war mir irgendwie immer selbstverständlich, dass ich mehr als genug zum Leben haben würde. Aber es war nicht meine eigentliche Motivation zur Auswahl meines Studiums. Rückblinkend denke ich auch da: Glück gehabt, dass sich der berufliche Erfolg tatsächlich so entwickelt hat, dass ich heute mit meiner Arbeit gut eine Familie ernähren kann.

Wie viele Semester haben Sie studiert? Sind Sie damit zufrieden?

Ich habe ziemlich genau die Regelstudienzeit eingehalten: Acht Semester, glaube ich. Aber das Staatsexamen nahm dann mit allem Drum und Dran nochmal gut ein Jahr in Anspruch. Das fand ich lange. Hätte ich nicht nebenher gearbeitet, wäre es sicher noch schneller gegangen. Aber für mich ist es ein Glück gewesen, dass ich neben dem Studium schon richtig Erfahrungen sammeln konnte. Das ist also okay.

Das Promotionsstudium habe ich dann erst viel später wieder aufgenommen, als meine kleinen Kinder aus dem Babyalter heraus waren. Da das berufsbegleitend geschah, hatte ich keinerlei Zeitdruck. Aber irgendwann wollte ich dann natürlich auch mal fertig werden. Das letzte Jahr der Promotion mit Dissertation fertigschreiben und Prüfungen auf der einen Seite sowie andererseits Arbeit und Familie war sehr, sehr anstrengend.

Sind Sie der Meinung, dass man ein Studium möglichst schnell und diszipliniert abschließen sollte, um so früh wie möglich in den Arbeitsmarkt einzusteigen oder sollte man die Unizeit nutzen, um sich selbst auszuprobieren und auch einmal über den Tellerrand zu schauen?

Das kann ich für andere nicht beantworten. Aber ich habe ja selbst einen Lehrauftrag an meiner alten Uni, und ich sehe schon, dass diejenigen meiner Studierenden, die bereits neben der Uni arbeiten, ausgerichteter und reifer sind. Ich bewundere sehr diejenigen, die sich ihr Studium vollständig selbst finanzieren. Ich finde es übrigens auch gut, dass meine eigenen Kinder, die derzeit beide studieren, nebenher arbeiten.

Ich kenne einerseits Studierende, die sehr, sehr zielstrebig auf etwas zusteuern, und das ist für sie genau das Richtige. Andere brauchten einige Anläufe und auch Enttäuschungen oder Misserfolge, um über sich selbst etwas zu lernen und das für sie selbst Richtige herauszufinden. Aber auch das ist ja kein Status, den man einmal erreicht, und dann gilt er für das gesamte Leben. Immer wenn man denkt: „Jetzt hab‘ ich’s!“, geschieht etwas Unerwartetes, und dann werden sowieso die Karten neu gemischt.

Was ich ein bisschen bedaure, ist, dass heute viele Abiturienten bereits meinen, sie müssten mit Beginn des Studiums die eine und genau richtige Entscheidung treffen. Ich finde, man muss sich selbst die Option offenhalten und sich selbst gestatten, dass man auch einmal Fehlentscheidungen trifft. Das eigene Leben ist nicht unter dem Gesichtspunkt der größtmöglichen Effizienz lebbar und schon gar nicht planbar. Bei mir waren es oft die überraschenden Chancen und kleinen „Brüche“, die mich wirklich weitergebracht haben. Aber so etwas sieht man natürlich immer erst im Rückblick.

Was waren Ihre Beweggründe zu promovieren?

Um ehrlich zu sein: Es war mein Germanistikprofessor und (zukünftiger) Doktorvater Wilhelm Gössmann, zu dem ich – wie viele meiner Kommilitonen – auch nach dem Staatsexamen noch guten Kontakt hatte, der nach einigen Jahren zu mir sagte: „Immer nur dieses journalistische Tagesgeschäft! Machen Sie doch mal etwas Richtiges. Schreiben Sie eine Doktorarbeit. Sie können das.“ Das war die Zeit, als meine Kinder klein waren und ich beruflich nur so mit halber Kraft fuhr. Ich überlegte mir, ein bisschen blauäugig: „Das sieht ja dann auch im Lebenslauf gut aus, wenn ich in dieser Karrierepause promoviert habe.“ Den Aufwand hatt ich definitiv unterschätzt. Aber es hat ja dann doch geklappt.

Sie gehören in Deutschland zu den bekanntesten Fachleuten aus dem Bereich PR, Social Media und Contentstrategien, halten Vorträge und Workshops und gehören mit Ihrem Blog “PR-Doktor” zu den führenden deutschen Blogs über digitale Kommunikation. Wie sieht so eine typische Arbeitswoche bei Ihnen aus?

Schwierige Frage. Es gibt Wochen, in denen ich vorwiegend im Büro sitze, telefonischen und elektronischen Kontakt zu meinen Kunden halte, Konzepte und Texte schreibe, Workshops und Vorträge vorbereite, für mein Blog oder an einem Buch arbeite. Dann wieder habe ich „Hoch-Zeiten“, in denen ich von einem Vortrag zum nächsten Inhouse-Workshop fliege oder fahre. Im Idealfall mischt sich beides, so dass ich nicht nur unterwegs bin.

Ich mag sehr die anregenden Dienstreisen, aber dann genieße ich auch wieder die (relative) Ruhe. Ein typischer Arbeitstag, an dem keine frühen Termine anliegen, beginnt damit, dass ich bei einer Tasse Tee im Bett die ersten Mails abrufe, meine sozialen Netzwerke scanne und das Internet auf interessante Neuigkeiten durchsuche. Erst dann ziehe ich mich an und gehe ins Büro. Übernachte ich im Hotel und habe eine Beratung vor mir, mache ich das Gleiche beim Frühstück. Aber da bin ich dann natürlich schon angezogen. ;)

Was sonst noch so alles in einer Arbeitswoche passiert, von dringenden „Feuerwehr-Einsätzen“ bis zu Telefonaten mit Interessenten, die hier anrufen – das zu schildern würde hier definitiv den Rahmen sprengen. Aber eine wirklich typische Arbeitswoche, die gibt es bei mir jedenfalls nicht.

Von welchem Wissen, das Sie im Studium, aber auch während Ihrer Promotion gelernt haben, profitieren Sie jetzt bei Ihrer Arbeit?

Selbstständig arbeiten zu können. Mir Wissen und Informationen eigenständig zu erarbeiten und für Projekte einzusetzen. Mit anderen zusammen intensiv an der Erkenntnisfindung arbeiten. Mich durch ein sehr anstrengendes Projekt durchzubeißen.

Was waren rückblickend betrachtet die ausschlaggebenden Faktoren für Ihren gelungenen Berufseinstieg? Welche Entscheidungen, Fähigkeiten oder Strategien haben Sie dahin gebracht, wo Sie heute beruflich stehen?

Zunächst einmal war es sehr hilfreich, Eltern zu haben, die mich rückhaltlos unterstützten und mich zugleich meine eigenen Erfahrungen machen ließen. Darüber hinaus war es im Grunde eine Reihe von Glücksfällen. Zudem vielleicht eine Mischung aus eigener Ausrichtung auf das nächste Ziel und Offenheit, für das was kommt. Eine Geschichte wird ja immer erst rückblickend daraus. Wie es sich bei mir entwickelt hat, scheint im Nachhinein sehr folgerichtig aufeinander aufzubauen. Aber es hätte bestimmt auch ganz anders kommen können.

Die freie Mitarbeit bei der Zeitung zu Beginn des Studiums beispielsweise habe ich ursprünglich nur begonnen, weil ich eine Wette gewinnen wollte. Ein Kommilitone behauptete, dass es ohne (elterliche) Beziehungen überhaupt nicht möglich sei, in eine Redaktion hineinzukommen. Ich wollte nur beweisen, dass es auch ohne Kontakte geht, wenn man nur hartnäckig genug ist. Das hat mich dann ein halbes Jahr Klinkenputzen bei meiner ausgewählten Redaktion gekostet. Wahrscheinlich waren die einfach irgendwann so genervt, dass sie gesagt haben: „Okay, dann geh‘ halt mal hier auf einen Termin mit.“ Ich habe meinen ersten Artikel geschrieben und wusste: „DAS ist es, was ich in Zukunft machen will.“ – Von den Kontakten, die sich ab dann ergeben haben, habe ich danach noch sehr viele Jahre profitiert, bis hin zu meiner ersten Festanstellung.

Ich habe im Leben wirklich immer sehr viel Glück gehabt und Menschen getroffen, die mich sehr unterstützt haben. Das ist bis heute so: Ich habe ein wirklich großartiges und sehr wertschätzendes Netzwerk von Menschen, mit denen ich mich austausche und gegenseitig unterstütze.

Auch darin habe ich Glück gehabt, dass ich eigentlich immer das machen konnte, was ich am besten kann und was mich begeistert: Mit Sprache umgehen. Kommunikation. Mit Menschen arbeiten.

Was würden Sie Studenten / Absolventen raten, die einmal in Ihrem Beruf / Ihrer Branche tätig werden wollen? Was sollen sie beachten? Und wie schätzen Sie die Chancen für Geisteswissenschaftler in Ihrem Beruf ein?

Ich tue mich sehr schwer damit, jemandem etwas zu raten. Wenn mich meine Studierenden oder andere Berufsanfänger fragen, dann versuche ich immer, sie darin zu unterstützen herauszufinden, was sie wirklich begeistert.

Daher ist auch die Frage nach den Chancen für Geisteswissenschaftler müßig. Ich glaube, es gibt nur wenige Menschen, die wirklich erfolgreich sind in einem Fach, das sie allein der Berufsaussichten wegen gewählt und durchgezogen haben. Andererseits hat es sicherlich auch wenig Sinn, sich in ein Orchideenfach zu verbeißen, ohne sich überhaupt je zu überlegen, was man später daraus machen will.

Wenn ich überhaupt etwas raten wollte, dann: sich Mentoren zu suchen und für deren Rat offen zu sein. Sich mit anderen zusammenzutun, um einander zu unterstützen, Feedback zu geben und in schwierigeren Zeiten zu unterstützen. Sich zu fragen, was das ist, was mich wirklich begeistert und was genug „zieht“, um die Richtung für eine Lebensaufgabe vorzugeben.

Auf der anderen Seite muss man sich nicht der Illusion hingeben, dass man sein ganzes Leben nur an der einen, großen, sinnstiftenden Lebensaufgabe wirkt. Es geht auch nicht darum, selbst nur Spaß zu haben. Wer etwas lernen will, muss auch unangenehme Dinge und Fleißarbeiten erledigen. Ein Arbeitgeber ist ja kein Ferienclub-Animator. Es geht meistens schlicht darum, das zu tun, was vor der Nase ist, und das möglichst gut und möglichst gern zu erledigen.

Würden Sie aus heutiger Sicht gesehen noch einmal Ihre Fächerkombination studieren? Oder würden Sie sich dieses Mal für etwas anderes entscheiden? 

Rein kopfmäßig betrachtet würde ich heute vielleicht etwas Handfesteres studieren: Jura, Medizin, Wirtschaftswissenschaften. Vielleicht auch nicht. Aber tatsächlich ist auch diese Frage akademisch, denn es ist ja so gelaufen, wie es gelaufen ist. Am Wichtigsten finde ich es aus heutiger Sicht, ein Studium durchgezogen und abgeschlossen zu haben. Aber das Studium bringt noch nicht den Erfolg. Bei mir hat sich immer alles zum Besten entwickelt – auch das, was zunächst wie Rückschläge oder Misserfolge aussah. Ich bin sehr froh und dankbar, dass es so gelaufen ist, wie es gelaufen ist.


Profile von Kerstin Hoffmann
Website: www.kerstin-hoffmann.de
Blog „PR-Doktor“: www.pr-doktor.de
Vorträge: www.pr-speaker.de
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