Unterwegs auf der lit.RUHR

Die lit.COLOGNE mag sicher vielen ein Begriff sein. Nun hat sie einen Ableger im Ruhrgebiet bekommen: Vom 4. bis 8. Oktober 2017 präsentiert die lit.RUHR in 82 Veranstaltungen internationale literarische Größen und deutschsprachige Literatur-Stars. Ein Großteil der Lesungen findet auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen statt, ein Ort, den man auch durchaus mal so besuchen sollte. Aber auch in Bochum, Dortmund und Duisburg (hier sogar unweit meiner Haustüre), finden sich Autoren und Literaturfans zusammen.

Zusammen mit Michael Sonnabend hatte ich das Glück eine Wildcard zu gewinnen, mit der ich nach Belieben Veranstaltungen besuchen darf, um als Festivalbloggerin darüber zu berichten. Karrieretipps wird es an dieser Stelle natürlich nicht geben, auch wenn mein Blog Geisteswirtschaft sich ja eigentlich mit dem Berufseinstieg von Geisteswissenschaftlern auseinandersetzt. Allerdings gibt es nicht ohne Grund die Rubrik „Geisteswissenschaften„. Hier finden sich Beiträge, die sich der Frage nähern wollen, welche Rolle die Geisteswissenschaften im 21. Jahrhundert spielen und welche Schnittmengen es zwischen den Geisteswissenschaften und anderen Disziplinen gibt.

Das sich Geisteswissenschaftler auf eine Art mit Literatur auseinandersetzen, wie kein anderer Fachbereich, dürfte nicht überraschen. Aber genau das kann manchmal auch einen unschönen Beigeschmack haben. Im Studium wird Semester um Semester recherchiert, gelesen und analysiert. Die Literatur ist Gegenstand unserer wissenschaftlichen Arbeit. Aber können Geisteswissenschaftler Literatur auch noch genießen? Können wir noch Bücher lesen oder Autoren folgen, einfach weil es schön ist? Diese Frage bewegt mich, seit ich ein paar Mal von Absolventen der Geisteswissenschaften gehört habe, dass ihnen die Lust am Lesen tatsächlich ein wenig vergangen sei, nachdem sie im Studium mehr oder weniger exzessiv gelesen haben. Natürlich ist da jeder anders und viele werden gerade aus Liebe zur Literatur ein geisteswissenschaftliches Studium ausgewählt haben. Trotzdem möchte ich mit meinem Besuch und meinen Berichten über die lit.RUHR mal wieder an den Genussmenschen in uns appellieren und zu einer nicht-wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Literatur ermuntern.

Beiträge rund um die lit.Ruhr gibt es in den sozialen Medien unter dem Hashtag #litruhr. Was ich so treibe, gibt es tagesaktuell auf Twitter und Instagram.


Cecelia Ahern und Diana Amft kennen alle Klänge der Liebe

Cecelia Ahern, geboren 1981, ist eine der erfolgreichsten Autorinnen der Welt. Sie schrieb mit 21 Jahren ihren ersten, internationalen Bestseller P.S. Ich liebe dich. Es folgten weitere Romane in Millionenauflage sowie Theaterstücke und Drehbücher. Bei ihrer Lesung im Grammatikoff in Duisburg ging es um ihr neustes Buch So klingt dein Herz:

„Die junge Laura lebt im Verborgenen im Westen Irlands. Niemand weiß, dass sie eine ganz besondere Fähigkeit besitzt: Sie kann jede menschliche Stimme, alle Tiere und jedes Geräusch der Welt nachahmen. Als der Toningenieur Solomon im Wald auf Laura trifft, fühlt er sich sofort magisch von ihr angezogen. Doch auch Solomons Lebensgefährtin, die Regisseurin Bo, ist fasziniert: Sie möchte einen Film über die geheimnisvolle Laura drehen. Über Nacht findet sich Laura in unserer lauten, modernen Welt wieder. Kann ihre Gabe ihr dabei helfen, das Glück zu finden – und die Liebe?“

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann lese ich Bücher dieser Art privat eigentlich nicht. Warum also besuche ich dann die Lesung von Cecelia Ahern? Die Antwort ist simpel: Ich finde es spannend, einfach mal etwas auf mich wirken zu lassen, mit dem ich mich normalerweise nicht auseinandersetze. Und es hat sich gelohnt. Cecelia Ahern wirkte, bedenkt man ihren weltweiten Erfolg, sympathisch normal. Hier gab es kein erhabenes Getue, wie man es gern mal im Literaturbetrieb erlebt. Ganz im Gegenteil: Nach der Veranstaltung wäre man am liebsten mit der Autorin ein Bierchen trinken gegangen, so locker flockig wie sie über sich, ihre Arbeit und das Buch gesprochen hat. Eine gute Portion Humor und Selbstironie inklusive.

Drei markante Stellen des Buches wurden an dem Abend vorgelesen. Ursprünglich sollte dies die Schauspielerin Esther Schweins tun, die aber leider aus privaten Gründen absagen musste. Glücklicherweise konnte die Schauspielerin Diana Amft einspringen, die viele als Hauptdarstellerin der Arztserie Doctor’s Diary kennen und die mit der Kinderbuchreihe „Die kleine Spinne Widerlich“ auch selbst als Autorin aktiv ist.

Moderiert wurde der Abend von der freien Literaturjournalistin Margarete von Schwarzkopf. Sie war Feuilletonredakteurin bei der Tageszeitung Die Welt und lange beim Norddeutschen Rundfunk in Hannover beschäftigt. Dort betreute sie unter anderem eine eigene wöchentliche Büchersendung im NDR 1 Hörfunk. Sie ist Mitglied in zwei verschiedenen Literaturjurys, moderiert zahlreiche Literaturveranstaltungen und ist ebenfalls selbst als Autorin tätig. Als Profi navigierte sie die Gäste souverän und humorvoll durch den Abend und stellte interessante Fragen, natürlich zum Buch selbst, aber auch zum Leben von Cecelia Ahern.

Was mich beeindruckte: Cecelia Ahern schreibt ein Buch pro Jahr. Ihr Arbeitstag sieht dabei nicht viel anders aus, als der von vielen anderen Frauen auch: Sie bringt morgens ihre Kinder in die Schule, fährt danach in ihr Büro und schreibt. Am Nachmittag ist Feierabend. Klingt sehr unspektakulär, wo man sich Bestsellerautoren doch eher wie Hank Moody aus der Serie Californication vorstellt. Und genau das mag ich. Kurios war auch, als Ahern beschrieb, wie Medien versucht haben, sie als junge Autorin zu inszenieren, beispielsweise mit aufwendigen Fotoshootings. Dabei sei sie Autorin, kein Model, sagte Ahern.

Ebenfalls spannend fand ich, wie die Idee zum Buch entstanden ist. Der Hauptcharakter des Buches, Laura, kann jede menschliche Stimme, alle Tiere und jedes Geräusch der Welt nachahmen. Inspiriert hat Ahern dabei der australische Leierschwanz, ein Vogel der ein unerreichtes Potential zur Nachahmung von Geräuschen jeglicher Art aufweist, wie Wikipedia es so schön formuliert. Ahern hat sich gefragt, wie es wäre, wenn ein Mensch diese Eigenschaft besäße und übertrug die besondere Fähigkeit auf die Protagonistin. Da es generell im Buch um das Thema Hören geht, war auch die Arbeit an So klingt dein Herz sehr geprägt davon, was und wie wir Geräusche wahrnehmen. Die Herausforderung lautete: Wie schreibt man über Geräusche? Wie fasst man etwas, das man hört, in Worte? Die Autorin erzählte, wie sie teilweise an ihrem Schreibtisch saß und versuchte, zum Beispiel eine Kaffeemaschine zu imitieren, was ich mir ganz witzig zu beobachten vorstelle.

Einfach so gekauft hätte ich das Buch wohl nicht, wenn ich es in der Buchhandlung gesehen hätte. Aber jetzt, wo ich weiß, wie es entstanden ist und wie schön normal die Autorin trotz Welterfolg geblieben ist, werde ich mir vielleicht ein Exemplar zulegen. Und genau das ist das Schöne an Lesungen!


Über Unter Tage – Josefine Berkholz, Lara Hampe, Peter Lünenschloß und Ronya Othmann erkunden das Ruhrgebiet

Fünf Wochen lang haben sich vier Studenten des Literaturinstituts in Leipzig tief in den Westen gewagt, um ihren literarisch geschulten Blick auf die Spuren des Bergbaus zu richten. Sie sind an unbekannten Straßenbahnhaltestellen ausgestiegen und haben ihre Erkundungen begonnen. Sie haben Menschen getroffen und deren Lebensgeschichten gehört. Sie sind unter Tage gefahren, durch stillgelegte Zechen gewandert, und sie haben einen Katzensprung von der Schalke Arena entfernt und im Schatten der Rungenberghalde in einem alten Bergmannhäuschen gewohnt. Auf Grundlage all dessen haben sie geschrieben: Josefine Berkholz, Lara Hampe, Peter Lünenschloß und Ronya Othmann präsentierten auf der lit.RUHR ihre Texte, erzählten von ihren gesammelten Eindrücken, vom Suchen und Schreiben und gaben Einblicke in das Leben ihrer Autoren-WG.

Als Lokalpatriotin und Sektorkind war diese Lesung natürlich ein Pflichttermin für mich. Ich habe selbst sechs Jahre in Karlsruhe gelebt und erst dadurch so richtig gemerkt, welche lokalen Unterschiede es gibt und wie sehr ich eigentlich dem Ruhrgebiet verbunden bin. Genau deshalb fand ich es spannend, wie es wohl umgekehrt sein muss. Also wie es ist, wenn man zu Gast im Ruhrgebiet ist und wie meine Heimat auf jemanden wirkt, der eigentlich aus einer ganz anderen Ecke Deutschlands kommt.

Das Ruhrgebiet hatte viele Klischees. Das wussten auch die vier Studierenden aus Leipzig. Und genau das hat es ihnen stellenweise auch ein bisschen schwer gemacht, das Ruhrgebiet authentisch kennen zu lernen. Wenn man ein gewisses Bild im Kopf hat, wie die Menschen im Ruhrgebiet sind oder was vor allem typisch Ruhrpott ist, dann neigt man als Gast dazu, genau diesen Stereotypen zu suchen. Das Ruhrgebiet ist bei weitem mehr als der biertrinkende Arbeiter an der Trinkhalle. „Von allem ein bisschen“ war so eine Beschreibung, die gestern Abend fiel und die mir gefiel. Auch wenn das Haus, in dem die Autoren-WG fünf Wochen lang lebte, mit sehr typischen Ruhrgebiets-Utensilien ausgestattet war (Steigerlampe, umgedrehter Veltins-Bierkasten als Nachtisch), entging es den Vieren nicht zu erkennen, dass der Pott sehr sehr vielfältig ist. Und vor allem von dem Thema Arbeit geprägt. Das spiegelt sich in allen vier Texten wieder.

Mir hat der Abend auf jeden Fall Spaß gemacht und wenn Josefinde Berkholz in wenigen Tagen sogar nach Bochum zieht, kann es hier ja nicht so schlimm gewesen sein. ;)

Für alle die nicht dabei sein konnten: Ich habe alle vier Lesungen aufgezeichnet und wünsche viel Vergnügen mit dem literarischen Nachwuchs aus Leipzig!

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