Was verdienen Geisteswissenschaftler?

Die Frage, was die eigene Arbeit wert ist, ist nicht nur spannend im Hinblick darauf, in welchem Beruf man nach dem Studium tätig werden will, sondern kommt spätestens dann knallhart auf den Tisch, wenn das erste Jobangebot ins Haus steht. Besonders für Berufseinsteiger ist es da oftmals schwer, den eigenen Marktwert herauszufinden und sich in Bewerbungs- und/oder Verhandlungsgesprächen angemessen zu „verkaufen“.

Ja ich weiß, diese ganzen Begriffe und Formulierungen wie „Marktwert“ und „sich selbst verkaufen“ widerstreben den meisten Geisteswissenschaftlern. Es liegt nicht in unserer Natur uns mit unserer „Wirtschaftlichkeit“ auseinanderzusetzen. Schließlich haben wir unser Studium aus Leidenschaft gewählt und nicht um spätestens mit 30 einen Porsche zu fahren. Und überhaupt: Dieser ganze Ökonomisierungszwang, ob im Studium oder in der Gesellschaft an sich, geht den meisten von uns doch ziemlich auf den Keks. Immer muss alles höher, schneller, weiter sein – der Selbstoptimierungswahn lässt grüßen. Ja ich weiß das.

Ich bin mit der Entwicklung hin zum unternehmerischen Selbst auch nicht sehr glücklich. Aber egal wie man es dreht und wendet, am Ende komme ich immer zu dem Fazit: Irgendwie muss man doch seine Brötchen verdienen. Und die will man ja nicht irgendwie verdienen, sondern im Idealfall mit einem Job, der einem Spaß macht und bei dem man das Gefühl hat, für seine Arbeit angemessen entlohnt zu werden. Das hat schließlich nicht nur etwas mit Geld verdienen zu tun, sondern auch mit Wertschätzung. Und spätestens hier sollten auch wir Geisteswissenschaftler uns wieder angesprochen fühlen, denn Wertschätzung liegt auch uns am Herzen. Niemand möchte nach Jahren des Studiums mit einem Appel und einem Ei abgespeist werden.

Um allerdings zu merken, ob man gerade in die Kategorie „billige Arbeitskraft“ fällt, muss man Vergleiche haben. Was also ist die Arbeit eines Geisteswissenschaftlers wert? Welche finanzielle Wertschätzung haben wir seitens des Arbeitgebers zu erwarten? Wie so häufig, gibt es hier natürlich keine pauschale Antwort, aber es gibt verschiedene Annäherungsversuche zu dem Thema.

Was ein Arbeitnehmer verdient, hängt von ganz unterschiedlichen Faktoren ab:

  • dem Beruf bzw. der Branche, in der gearbeitet wird (Industrie & Wirtschaft zahlen mehr als Kunst & Kultur)
  • der Qualifikation des Arbeitnehmers (Was studiert? Welcher Abschluss? Berufserfahrungen? Branchen-/Fachwissen?)
  • der Position des Arbeitnehmers (Wie viel Verantwortung trägt er? Wie wichtig ist die Arbeit für das Unternehmen?)
  • der wirtschaftlichen Situation des Arbeitgebers (Ist die Auftragslage gut oder schlecht?)
  • dem Standort des Arbeitgebers (im Süden und Westen Deutschlands werden bessere Gehälter gezahlt als im Norden und Osten)
  • und natürlich dem persönlichen Verhandlungsgeschick

Unabhängig dieser Faktoren, die das individuelle Gehalt bestimmen, gibt es verschiedene Umfragen und Erhebungen, welche die Gehaltssituation von Geisteswissenschaftlern abzubilden versuchen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat sich zum Beispiel in seiner Publikation „Arbeitsmarktchancen für Geisteswissenschaftler“ mit der Thematik auseinandergesetzt. Die Daten sind leider von 2005, dennoch möchte ich sie hier kurz vorstellen:

Was verdienen Geisteswissenschaftler

Quelle: Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung

Kurz zur Erläuterung: Der Mikrozensus, der bei diesem Schaubild als Quelle angegeben ist, ist mit einem Auswahlsatz von 1% der Bevölkerung die größte jährliche Haushaltsbefragung in Europa. Grundlage des Mikrozensus ist die gesamte wohnberechtigte Bevölkerung in Deutschland.

Die Befragung zeigt: die Hälfte der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler hat im Monat nach Abzug der Steuern ein maximales Einkommen von rund 2000 Euro. Allerdings sind hier auch Teilzeitjobs mit eingerechnet. Betrachtet man nur die Vollzeit-Erwärbstätigen, dann liegt der Median in der Einkommenskategorie von 2000 bis 2300 Euro, wie das folgende Schaubild zeigt:

Was verdienen Geisteswissenschaftler

Quelle: Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung

So weit, so gut eine kleine Orientierung, welches Einkommen Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler im Durchschnitt erzielen. Allerdings kann das einzelne Gehalt stark variieren, abhängig von den bereits genannten Faktoren wie Branche, Position und persönlicher Qualifikation.

Gehaltscheck GeisteswissenschaftlerEtwas konkreter wird da der große Verhaltsvergleich des FOCUS. In der Ausgabe „Gehalt & Karriere 2015“ werden 150 Berufe einem Gehaltscheck unterzogen. Ich habe mal alle Berufe herausgepickt, die im großen und ganzen für Geisteswissenschaftler in Frage kommen bzw. von Geisteswissenschaftlern ausgeübt werden können. Genannt wird jeweils das Bruttojahresgehalt für 2015.

  • Anzeigenleiter/Anzeigenverkauf: 43.431 €
  • Art/Creative Director: 42.418 €
  • Bildredakteur: 37.223 €
  • Call Center Agent: 26.792 €
  • Content Manager: 42.755 €
  • Controller: 54.713 €
  • Customer Service Manager: 35.699 €
  • Erzieher: 31.164 €
  • Event-Manager: 37.080 €
  • Fachlicher Trainer: 42.512 €
  • Fotograf: 29.514 €
  • Führungsnachwuchs/Trainee: 41.000 €
  • Geschäftsführer mit Personalverantwortung: 143.382 €
  • Grafiker: 31.728 €
  • Karrierecoach: 47.865 €
  • Kulturmanager: 36.668 €
  • Kundenberater im Einzelhandel: 26.308 €
  • Kundenberater Konzept bzw. Strategie: 43.003 €
  • Lehrer Hochschule: 53.872 €
  • Lehrer öffentliche Schule: 50.274 €
  • Lehrer private Schule: 36.788 €
  • Marketingleitung mit Personalverantwortung: 110.122 €
  • Marktforscher: 46.936 €
  • Musiker: 33.733 €
  • Niederlassungsleiter mit Personalverantwortung: 101.655 €
  • Online Marketing Manager: 40.511 €
  • Personalberater: 44.942 €
  • Personalentwickler (Aus- & Weiterbildung): 50.770 €
  • Personalleiter mit Personalverantwortung: 103.160 €
  • Personalreferent: 50.740 €
  • PR-Berater: 46.600 €
  • Produktioner (Print, TV, Funk): 37.788 €
  • Produktmanager: 59.025 €
  • Projektentwickler: 57.048 €
  • Projektmanager Forschung & Entwicklung (Geisteswissenschaften): 44.553 €
  • Redakteur: 42.756 €
  • Referent / Assistenz der Geschäftsführung (kein Sekretariat): 48.650 €
  • Regisseur: 41.812 €
  • Schulleiter: 43.996 €
  • Sekretär: 32.833 €
  • Texter: 35.720 €
  • Übersetzer: 36.041 €
  • Unternehmensberater: 66.235 €
  • User Experience (Konzeption): 53.914 €
  • Web-Designer: 34.387 €

Im Heft selbst sind für jeden Beruf auch noch einmal die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen sowie den einzelnen Regionen (Nord, Ost, Süd, West) genau aufgelistet, die ich hier aber mal hab unter den Tisch fallen lassen.

Wer sich dafür interessiert im Journalismus Fuß zu fassen oder vielleicht während des Studiums auch schon freiberuflich für ein Medium schreibt, dem seien noch zwei Linktipps ans Herz gelegt. Zum einen der Blog http://wasjournalistenverdienen.tumblr.com. Er stammt von dem Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten und sammelt anonyme Einreichungen, welches Medium seinen Autoren welches Honorar zahlt. Das hilft nicht nur bei der Kalkulation des eigenen Honorars, sondern auch bei der Wahl der passenden Plattform, wenn man schreiben will.

Und dann gibt es noch das Webmagazin LousyPennies.de von Karsten Lohmeyer und Stephan Goldmann, die über das Geldverdienen mit (gutem) Journalismus im Internet schreiben. Die Autoren eint die Erkenntnis, dass Print in vielen Segmenten noch ein langes Leben haben wird, aber die Zukunft digital ist. In ihrem Magazin wollen sie mithilfe von vielen Gastautoren und Interviewpartnern herausfinden, wie Journalisten in Zukunft (und heute schon) ihren Lebensunterhalt mit journalistischer Arbeit im Internet bestreiten können.

Insgesamt lassen die genannten Quellen darauf schließen, dass Geisteswissenschaftler nicht aus Prinzip schlechter bezahlt werden als Absolventen anderer Fachbereiche, sondern das es stark auf die Branche und den jeweiligen Beruf ankommt, in dem man tätig wird.

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Nachtrag vom 01.08.2015

gehaltsatlas

Ich möchte den Artikel um eine weitere Quelle ergänzen und zwar hat die Frankfurter Allgemeine den Gehaltsatlas 2015 veröffentlicht. Und der besagt, dass Berufseinsteiger aus den Geisteswissenschaften im Jahr 2015 durchschnittlich ein Jahresgehalt von 33.148 Euro bekommen. Der Großraum Heidelberg ist Spitzenreiter: da verdienen Geisteswissenschaftler durchschnittlich 41.081 Euro Jahresgehalt.

There are 9 comments

  1. Robin

    „Dieser ganze Ökonomisierungszwang, ob im Studium oder in der Gesellschaft an sich, geht den meisten von uns doch ziemlich auf den Keks. Immer muss alles höher, schneller, weiter sein – der Selbstoptimierungswahn lässt grüßen.“

    Gerade wir Geisteswissenschaftler haben doch das Potential, aus dem „modernen Selbstoptimierungswahn“ für uns eine Strategie der nachhaltigen, persönlichen Weiterentwicklung zu machen. Wir wissen, dass es im Leben darauf ankommt, sich ‚als Mensch‘ stetig weiterzuentwickeln (im Sinne Kierkegaards). Wir sind uns aber auch bewusst, dass das nicht bedeutet, mit 30 Porsche zu fahren und mit 40 die erste Yacht zu besitzen.
    Wer sich persönlich stetig weiterentwickelt, wird auch beruflich Karriere machen und es sich selbst Wert sein, sich nicht unter Wert zu verkaufen. Ich sehe das also recht entspannt.

    1. Gianna Reich

      Lieber Robin,

      ich gebe dir da völlig recht! Natürlich hat es jeder selbst in der Hand, wie er oder sie mit der Ökonomisierung umgeht. Ich würde es mir sehr wünschen, dass in der Gesellschaft ein Umdenken stattfindet und man sich auf „gesunde“ Art und Weise weiterentwickeln kann. Allerdings gibt es leider auch viele GeisteswissenschaftlerInnen, die sich fast schon weigern sich mit den Regeln der Wirtschaft auseinander zu setzen und fast schon trotzig reagieren. Daher plädiere ich dafür sich tatsächlich mit der Materie des Marktes zu befassen und zu versuchen, das für sich Beste aus der Sache zu machen. Wenn du die Sache also entspannt siehst, dann freut mich das! Ich hoffe vielen anderen geht es genau so. :)

  2. Patrick

    Diese Auflistungen sind sehr interessant. Dass ein Fotograf so wenig verdient, erstaunt mich allerdings. Hierbei mag es zwar sehr auf das Ansehen und die Preise des Fotografen ankommen, trotzdem erscheint mir dieses Gehalt doch sehr wenig.

  3. Martina Diel

    Was mich sehr irritiert: dass in der Mikrozensus-Statistik Nettogehälter verglichen werden – das ist doch aber abhängig von der Steuerklasse? Überall sonst werden Bruttojahresgehälter verglichen, aus gutem Grunde…

  4. Katharina

    Vielen Dank für diese interessante Übersicht! Was mir jedoch bei den Tabellen / Zusammenstellungen fehlt ist die Berücksichtigung der Berufserfahrung – gelten die Werte als Einstiegsgehalt oder wie viele Personen mit jeweils welcher Berufserfahrung wurden denn in die Auswertung mit einbezogen? Denn ich denke, dass gerade der Einstieg für Geisteswissenschaftler eher schwierig ist, sie sich dann aber in der Praxis mit ihren Fähigkeiten und ihrem Wissen beweisen können.

    1. Gianna Reich

      Liebe Katharina,

      du hast Recht: Hier fehlen die Angaben um welche Arbeitnehmer es sich genau handelt (Berufserfahrung, Abschlüsse, etc.). Diese Angaben konnte ich den Quellen leider nicht entnehmen. Bei der Tabelle des Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) handelt es sich um eine Haushaltsbefragung. Zur Erhebung wurde immer der höchste Abschluss genommen. Das heißt hier durchmischt es sich tatsächlich – Berufsanfänger sind in der Befragung ebenso enthalten wie erfahrene Arbeitnehmer.

      Bei dem Gehaltscheck des FOCUS wird http://www.personalmarkt.de/ als Quelle der Daten genannt. Dort kann man unter http://www.personalmarkt.de/www/ga.homega.jsp auch noch einmal ganz individuell abfragen, ob man genug verdient.

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